Zeitung Heute : Klimmzüge fürs Immunsystem

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Von Adelheid Müller-Lissner

Ganz am Anfang ist der Mensch clean: Der Darm des Ungeborenen ist frei von Keimen. Doch schon beim Start sind nicht alle Babies gleich, was ihre „Besiedelung“ mit Mikroorganismen betrifft. Auf einen kleinen, aber höchstwahrscheinlich trotzdem bedeutsamen Unterschied wies die Kinderärztin und Allergie-Spezialistin Sibylle Koletzko von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität beim Kongress „Ernährung 2002“ hin, der am Freitag und Sonnabend in Berlin stattfand und sich diesmal dem Zusammenhang zwischen Ernährung und Immunsystem widmete: Die Darmflora von Kindern, die per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickten, unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung von der vaginal geborener Säuglinge, und das noch ein viertel Jahr nach der Geburt.

Die Erklärung für den Unterschied: Während die schnittentbundenen Kinder allenfalls Kontakt mit den Keimen bekommen, die in der Klinik-Luft liegen, haben die übrgen Neugeborenen auf ihrem Weg durch den Geburtskanal Gelegenheit zur näheren Bekanntschaft mit vielerlei Bakterien: „Mit dem ersten Schluck wird der Darm besiedelt.“ Für das kö rpereigene Abwehrsystem könnte das von Vorteil sein.

Entscheidung zwischen Gut und Böse

Auf das unreife Immunsystem eines Neugeborenen kommen gigantische Aufgaben zu: Nach und nach muss das Baby schließlich lernen, die Stoffe aus der Umwelt zu sortieren, um zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden. Krankheitserreger müssen bekämpft, potenziell wertvolle Nahrungsmittel dagegen toleriert werden, auch wenn sie dem Immunsystem zunächst fremd vorkommen. Kein Wunder, dass das kindliche Immunsystem bei dieser schwierigen Aufgabe auch Irrwege geht, die sich zum Beispiel in Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien niederschlagen können. Dabei spielen sicher genetische Ursachen eine Rolle, und einigen zuständigen Genen ist man auch inzwischen auf der Spur.

Andererseits nehmen allergische Erkrankungen im Säuglings- und Kindesalter deutlich zu: Jedes dritte Kind ist inzwischen betroffen. Die Zunahme aber kann nur durch Umwelteinflüsse erklärt werden. Auch die deutlichen Unterschiede, die man nach der Wende zwischen Ost und West fand – und die seitdem stattfindende allmähliche Angleichung – deuten darauf hin, dass es Einflüsse von außen sein müssen, die das Immunsystem für Allergien empfänglich oder unempfindlich machen.

Mehrere Studien, in denen gezeigt werden konnte, dass früher der Kontakt zu Stalltieren einen wichtigen Schutzfaktor darstellt, zeigen ebenfalls die wichtige Rolle, die die Bekanntschaft mit bestimmten Erregern spielt.

Allergien können sich an der Haut zeigen, zum Beispiel als Neurodermitis, sie können die Atemwege betreffen, wie bei Heuschnupfen und Asthma, sie können sich aber auch im Verdauungstrakt bemerkbar machen, als Jucken im Mund, Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall. Was die Nahrungsmittelallergien betrifft, so sind die Irrwege des Immunsystems glü cklicherweise nicht immer endgültig: Wenn kleine Kinder gegen Kuhmilch, Weizen, Ei oder Erdnüsse allergisch sind, so verliert sich das häufig nach einigen Jahren von selbst, wahrscheinlich weil die Immunzellen „gelernt“ haben.

Noch besser ist es aber, wenn Babys in den ersten Lebensmonaten keine Kuhmilchprodukte trinken. Das zeigte die GINI (German Infant Nutrition Intervention)-Studie, an der 2000 Kinder mit erhöhtem genetischem Risiko für eine Allergie teilnahmen.

Diejenigen Säuglinge, die in den ersten vier Lebensmonaten ausschließlich gestillt wurden, hatten im ersten Lebensjahr deutlich weniger Allergien. Das Weglassen der Kuhmilch scheint sich dabei auch bei Kindern günstig auf die Haut auszuwirken, die keine nachweisbare allergische Reaktion auf Kuhmilch haben.

Fertignahrung im Zweifel besser

Welche Mechanismen dabei im Spiel sind, haben die Allergologen noch nicht vollständig verstanden. Das zweite Ergebnis der vom Bundesforschungsministerium unterstützten Studie: Wenn allergiegefährdete Kinder gar nicht oder nicht voll gestillt werden können, sind Formelnahrungen günstiger, bei denen das Kuhmilch-Eiweiß schon in Bruchstücke aufgespalten (hydrolysiert) ist.

Aus einer anderen Studie gibt es erste Hinweise darauf, dass es Kindern mit Neurodermitis nützt, wenn der Hydrolysat-Nahrung noch Laktobazillen hinzugefügt werden. In einer finnischen Studie wurden zudem Frauen, die um ein erhöhtes Risiko in der Familie wussten, schon während der Schwangerschaft und danach während der Stillzeit mit Probiotika behandelt, um ihre Darmflora zu verändern. Tatsächlich bekamen die Kinder der behandelten Mütter seltener Neurodermitis als die Kontrollgruppe.

Eine einzelne Studie genügt noch nicht, um die teure Bakterien-Kur zu rechtfertigen. „Um dieses Konzept werden wir uns aber in den nächsten Jahren verstärkt kümmern,“ sagt Sybille Koletzko.

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