Zeitung Heute : Klischees nicht entsprechen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dass elektronische Musik aus Berlin und die Clubs der Stadt in London und New York derzeit als ultrahip gelten, habe ich Ihnen an dieser Stelle ja schon häufiger erzählt. Das Gleiche gilt auch für DJs. Ein DJ aus Berlin zu sein, ist außerhalb Berlins im Moment so ziemlich das Allertollste. Man muss noch nicht mal ein besonders berühmter oder talentierter Plattendreher sein, es reicht, „I’m a DJ from Berlin“ zu sagen und schon wird man herzlicher empfangen, kommt gratis in Clubs oder bekommt Platten zugesteckt. Musikalisch wird der typische Berlin-DJ übrigens mit Electro, 80er Jahre- Musik und/oder Techno in Verbindung gebracht. Eben der Sound, der in den meisten Berliner Clubs zu hören ist.

Wie das Berlin-DJ-Ding aber leider auch für Missverständnisse sorgen kann, habe ich jüngst am eigenen Leib erfahren. Letzten Samstag habe ich auf einer Party in München Platten aufgelegt. Ich wurde angekündigt als DJ aus dem Cookies Berlin. Die Party fand in einem ehemaligen Finanzamt statt, das in Kürze abgerissen wird. Als ich den Raum betrat, dachte ich zunächst, ich wäre im Cookies gelandet. Es war die ehemalige Schalterhalle, dort wo die Münchner früher ihre Steuern bezahlten. An den Wänden gab es zwar keinen Marmor, und es fehlten auch die berühmten Kronleuchter, aber die Absicht der Veranstalter war klar: Wir machen heute in München mal eine richtige Berlin-mäßige Party. Und laden dafür auch einen Berliner DJ ein, der uns echten Berliner Sound spielt. Der Blick auf die Getränkepreise und das Publikum sagte mir allerdings gleich: Das ist schon sehr München hier. Als ich mein DJ-Set begann, spielte ich das, was ich auch immer in Berlin auflege: Funk, Hip Hop, Disco-Edits, ein wenig House, ein paar West London-Breakbeats. Eineinhalb Stunden vergingen und die Party war bereits im Gange, als eine Frau zum DJ-Pult kam und sagte, „DJ, mach doch mal Berlin-Sound“. Ich schaute etwas verdutzt. „Na, spiel mal Electroclash oder ein bisschen Punk, damit wir hier mal endlich richtig tanzen“, fügte sie hinzu. Als ich ihr erklärte, dass das nicht auf meinem Programm steht, verstand sie nicht. „Was, und Du bist Berliner?“ sagte sie zornig. Ich war schon beleidigt. Sie setzte an zu einer Schimpftirade, als sie mein Münchner DJ-Kollege beruhigen konnte. Später dachte ich: So fühlt sich das also an, wenn man die Erwartungen nicht erfüllt, als DJ from Berlin. Ein Gefühl, auf das ich gerne verzichtet hätte.

Eine ähnliche Erwartungshaltung wie diese Münchnerin dürfte vermutlich auch das Londoner Lifestyle Magazin Dazed & Confused haben, wenn es heute zusammen mit dem F.U.N. ins Café Moskau einlädt. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass bei dieser Party dem musikalischen Berlin-Klischee voll entsprochen wird: Der Sound dürfte aus Electro und 80er Jahre-Musik bestehen. Dass die angekündigten Gast-DJs Headman und Optimo nicht mal aus Berlin sind, sondern aus Zürich und Glasgow, wird nicht weiter auffallen. Für Londoner auch egal: Hauptsache, die Party findet in Berlin statt. Was die Berliner wohl davon halten?

Dazed & Confused vs. F.U.N., heute, 23 Uhr, Café Moskau, Karl-Marx-Allee 34, Mitte.

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