Zeitung Heute : Klischees zum Tanzen bringen

GUNTER BECKER

Rockmusik wird gerne mit handgemacht, live und schweißtreibend gleichgesetzt.Techno dagegen gilt als digitalisierte, computergenerierte Musik: der Soundtrack fürs Internet eben.Höchste Zeit, die Klischees zum Tanzen zu bringen, müssen sich die Macher der CD-ROM "RockLexikon" gedacht haben.

Die Koproduktion zwischen dem Sythema Verlag, dem Radiosender Bayern 3 und dem Fischer Verlag basiert zwar auf einem Buchprojekt - dem vierbändigen Fischer-Rocklexikon von Christian Graf und Burghard Rausch - und ist nichts weniger als die brave Digitalisierung von Print-Informationen.

Bereits beim Start erlebt der User eine erste Überraschung.Anstelle von Theaterdonner, Bühnenbombast und Fanfaren begrüßt ihn ein kleines Cyber-Abenteuer.Beim Versuch sich nämlich in das virtuelle Archiv (Rogg) einzuloggen, wird der Anwender über einen mysteriösen Virenangriff auf die Geschichts-Dateien des Systems informiert.Die schwarzen Löcher im Gedächtnis der Rockmusik wird er später - nach der Lösung einiger Multimedia-Games - rekonstruieren müssen.

Rockarchäologie mit den Mitteln des Computergames: Jetzt müssen sich die Rock-Opas mit den Technokids zusammenraufen.Rund 7000 Steckbriefe von Bands und Künstlern, 900 Artikel über Gruppen und Musiker, 29 000 Platten und 1500 Literturhinweise sind recherchierbar.Gesucht werden kann nach Portraits, (Lebens-)Daten, Fachbüchern, geschichtlichen Abrissen einzelner Rockströmungen und nach Definitionen.

Für den großen Überblick sorgt eine Index-Funktion.Die impulsiv gewählte erste Suchoberfläche ist die Portraitdatenbank.Dort kann nach Bandnamen und Einzelkünstlern gesucht werden.Ausgegeben wird das Line-Up - die personelle Zusammensetzung einer Band -, ihre Discographie und Artikel zu deren Werdegang.

Auch hier gibt es wieder ästhetische Anleihen beim Internet: Die Suchmaske ähnelt einer Website, und der monotone Maschinenbeat im Hintergrund signalisiert einmal mehr, daß zur Milleniumswende Rock mit dem Computer flirtet.Zur Navigation innerhalb des Systems kann der User jederzeit auf eine sogenannte Drone zurückgreifen.Das ist ein intelligentes Roboterchen à la R2D2, das alle Suchregister und ein Hilfe-Manual parat hält.

Bei einer ersten Testfahrt forschen wir nach Bekannten und Unbekannteren: Die Hippie-Legende "Hawkwind" kennt das Rocklexikon.Ein Muß, das wir auch bekommen.So sind biographische Daten über die Mitglieder der Band zu erfahren, und mit Hilfe der Option "Full Text" erhält man einen ausführlichen und fundierten Artikel über die Gruppe.Hyperlinks im Text geben Verweise zu verwandten Bands und Künstlern.

Als nächsten Suchauftrag geben wir dem Rocklexikon den Namen der weniger bekannten Punk-Band "Jesus Lizard".Wieder ein Volltreffer.Biographie, Diskographie und umfassende Hintergrundinformationen werden prompt geliefert.Auch die Prinzen des Brit Pop sind dem System natürlich bekannt: Oasis, Blur, The Verve, Kula Shaker - alle sind hier versammelt.Fehlanzeigen gibt es eher bei der Frage nach wichtigen Crossover-Projekten zwischen Rock und Jazz.Die Band Weather Report oder die Jazz-Legende Miles Davis, der auch bedeutende Jazzrock-Platten gemacht hat, kennt das System einfach nicht.Da heißt es: "Keine Daten vorhanden".

Für Entertainment sorgt dafür die Abteilung "Historisches".Die multimediale Reise in die Rockgeschichte kann nur antreten, wer zuerst (teilweise recht knifflige) Games gespielt und Rätsel gelöst hat.Da muß etwa die Titelmelodie des Serienklassikers "Mission Impossible" mit der Maus nachgeklickt werden, oder die Gesichter berühmter Rock-Ikonen müssen rekonstruiert werden.Nur wer John Lennons charakeristische Physiognomie aus Versatzstücken von Elvis und von Jim Morrison herausfiltert, wird mitgenommen zu Entdeckungstouren zu den Wurzeln des Blues oder zu den Anfängen des Krautrock.

Das Fazit: Ein gut sortiertes Basiswissen erwartet sowohl den Laien wie auch den Profi - und das ganze in absolut innovativer Verpackung.

Infos im Netz unter www.systhema.de

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