Zeitung Heute : Klötzlein stapel dich

Das Vitra-Haus in Weil am Rhein bietet ungewöhnliche Ein- und Ausblicke

Als hätten ein paar Riesenkinder Langeweile gehabt und ein wenig mit den Bauklötzen gespielt: Häuschen auf Häuschen, mal links, mal rechts – so in etwa haben die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron ihr neues Vitra-Haus in Weil am Rhein „gestapelt“.

Die vermeintlichen Bauklötze sind ein schematisiertes Haus mit spitzem Dach, fünfeckig, allerdings 57 Meter lang gezogen. In der Breite misst der Komplex 54 Meter, in der Höhe 21,30 Meter. Sechs Häuser haben die beiden Architekten versetzt angeordnet, manche überschneiden sich, so dass unterschiedliche Niveaus entstehen. Die Stirnseiten sind komplett verglast und geben den Blick frei in das Dreiländereck Deutschland, Schweiz und Frankreich.

„Das Vitra-Haus ist eine Kombination aus Museum, Showroom und Marketing-Innovation“, sagte Firmenchef Rolf Fehlbaum bei der Präsentation im Frühjahr. Der Möbelhersteller Vitra möchte einerseits seine Möbel in einem hausähnlichen Ambiente nach Themen sortiert präsentieren. Gleichzeitig bietet das Gebäude aber auch Raum für kulturelle Veranstaltungen. Das verglaste Erdgeschoss nimmt nun vom Vitra Design Museum den Shop und das Restaurant auf, so gewinnt das Museum auf dem Vitra-Campus mehr Raum. Gleichzeitig bildet der markante Bau des Schweizer Architektenduos ein attraktives Entree für das Vitra-Gelände, das mit Bauten von Zaha Hadid, Frank Gehry, SANAA, und Tadao Ando zu einem Open-Air-Museum internationaler Architektur wurde.

„Die Stapelung der Häuser ergibt immer wieder unerwartete Räume“, sagt Jacques Herzog, „das schafft etwas Skulpturenartiges.“ Dort, wo sich die Riegel schneiden, geht eine elegante Wendeltreppe mit einer weißen, glatten Stucco-Lustro-Wand wie ein Bohrer durch das Haus. Am besten fährt man beim Besuch mit dem Aufzug hinauf in den vierten Stock und erwandert sich das Bauwerk beim allmählichen Hinabsteigen. Durch die verschiedenen Ebenen, die unterschiedliche Ausblicke ermöglichen, ergeben sich immer neue Konstellationen und Raumerlebnisse. Mal wird es eng und man biegt um die Ecke – um gleich wieder Luft zu holen und frei zu atmen. Die Möbel wirken wunderbar in dem hellen Ambiente, wenngleich die Deckenhöhe natürlich viel höher ist als in jedem normalen Haus. Aber es sieht auf jeden Fall besser aus als in jedem klassischen Showroom.

Außerdem besitzt das Haus eine große Freitreppe, die sich zugleich als Zuschauertribüne für Veranstaltungen nutzen lässt. Auch die berühmte Stuhlsammlung hat in einem Raum im Erdgeschoss endgültig einen Platz gefunden und damit das Design-Museum entlastet, das nun mehr Raum für Sonderausstellungen bietet.

Befindet man sich in dem Gebäude, hat man prächtige Aussichten in Richtung Basel, nach Frankreich oder auf den Campus von Weil. Im Frühling versprechen die zahlreichen Kirschbäume rund um das Haus einen faszinierenden Anblick. Nähert man sich abends dem Vitra-Haus, scheinen die von innen leuchtenden Giebelwände in der Landschaft zu schweben, der anthrazitfarbene Baukörper verschwindet im Dunkel der Nacht. Weil hat sein Wahrzeichen gefunden – gebaut von Schweizer Architekten in Deutschland für eine Schweizer Firma.

Mehr im Internet:

www.vitra.com

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!