Zeitung Heute : Klonen von Menschen: Das Kinderspiel

Bas Kast

Wir werden keine großen Ankündigungen machen, das tut hier in Rom nur der Papst", verkündet ein Organisator des Workshops. Es ist heiß in der historischen Aula auf dem mit haushohen Palmen und Pinien bestückten Campus der Polyuniversitätsklinik in Rom. Eigentlich sollte die Veranstaltung ein wissenschaftlicher Kongress werden, aber der Raum ist randvoll mit Presseleuten aus aller Welt, die ein kleiner, nervöser Mann wild gestikulierend von sich wegdrückt.

Der sich da irritiert durch die Journalisten drängelt, ist Klonpapst Severino Antinori, und seine letzte große Ankündigung datiert von Ende Januar. "Wir werden mit einem internationalen Wissenschaftlerteam noch in diesem Jahr damit beginnen, einen Menschen zu klonen", hatte der italienische Frauenarzt in den USA vor laufender Kamera gesagt. Der erste Klon solle schon bald "in einem Mittelmeer-Land" gezeugt werden, "vielleicht schon vor 2002".

Keine Sorge, sagt Antinori. Natürlich will er keinen Hitler kopieren, auch keine Marilyn Monroe. Antinori ist Arzt, sein Ziel ist es, leidenden Menschen zu helfen. Stellen Sie sich vor, Sie sind verheiratet, Ihre Frau möchte ein Kind - aber Sie sind steril. "Klonen", sagt Antinori, "ist in manchen Fällen das letzte wissenschaftliche Mittel, die Unfruchtbarkeit zu überwinden." Auf ein eigenes Kind, findet der Arzt, haben alle Menschen ein Recht.

Antinori ist kein Fantast, und das ist es, was ihn seinen Gegnern so gefährlich erscheinen lässt. Er ist ein Pionier der praktischen Reproduktionsmedizin. Sein Team verfügt über das nötige Know-how und hat genügend Geld, um das Projekt durchzuziehen, wie es einvernehmlich heißt.

Auf einer der Holzbänke hat der Innsbrucker Mäusekopierer Karl Illmensee Platz genommen - der "Beste auf der Welt", wie Antinori einmal geschwärmt hat. Tatsächlich ist der braun gebrannte Mann mit den streng nach hinten gekämmten Haaren eine Koryphäe auf dem Gebiet des Tierklonens. Auch Panos Zavos von der Universität von Kentucky ist wieder mit von der Partie. Er war schon Ende Januar in den USA dabei, als er zusammen mit Antinori, einem seiner "besten Freunde", wie er betont, die frohe Botschaft verkündete und für weltweite Aufregung sorgte. "Wir wollen den Menschen das Geschenk des Lebens machen", sagte Zavos damals - 200 Paare hätten bereits ihr Interesse signalisiert. "Das war damals", sagt Zavos heute. "Inzwischen sind es 600 bis 700, und diese Liste verlängert sich täglich."

Antinori hält den ersten Vortrag. In Rom hat sich der Ferrari-Fahrer mit grauem Haar und Schnurrbart als enfant terrible der Reproduktionsmedizin längst einen Namen gemacht. "Es sind schon viele Erfolge in diesem Haus gelungen", heißt es auf einem gerahmten Schild in Antinoris Befruchtungsklinik, die sich in Sichtweite des Vatikans befindet. "Doch wer ein Wunder erwartet, der ist in diesem Haus nicht willkommen." Die Tafel ist ein blankes Understatement, gilt doch Dottore Antinori als ein Mann, der Befruchtungswunder wahr macht.

In die Schlagzeilen geriet er, als er 1994 der damals 62-jährigen Rosanna Della Corte zur Geburt ihres Sohnes verhalf. Antinori, der Pate, nahm die Eizelle einer Spenderin, befruchtete sie mit dem Spermium des Vaters und implantierte die Zelle in die Gebärmutter seiner Patientin. Vor zwei Jahren ließ der Babymacher von Rom unreife Samenzellen - Spermatiden - eines scheinbar sterilen Mannes im Hoden einer Ratte heranreifen. Dann injizierte der Arzt die Spermien in die Eizellen der Ehefrau. Nun verkündet Antinori sein Credo: Sterilität ist kein Schicksal mehr, sondern eine Entscheidung.

"Avanti, avanti!", ruft Antinori bei seinem Vortrag; die Folien können gar nicht schnell genug aufgelegt werden. Er fuchtelt mit den Armen. "Wenn zum Beispiel ein Mann nicht einmal Spermatiden besitzt, was soll ich da machen? Ich will diesen Menschen das Kinderglück bringen!"

In der Theorie hört sich die Klontechnik einfach an: Man entnimmt dazu einer Eizelle das in ihr vorhandene Erbgut - was dann bleibt, ist eine "leere" Eizelle. Dann platziert man eine Körperzelle der Person, die geklont werden soll, neben die Eizelle. Ein kleiner Stromstoß lässt beide Zellen verschmelzen. Die Zellteilung beginnt - im Reagenzglas entwickelt sich ein Embryo, der jetzt nur noch in eine Gebärmutter gepflanzt und ausgetragen werden muss.

Mit dieser Methode hat Karl Illmensee schon 1981 Mäuse geklont - das Erbgut aber stammte von einem Embryo. Erst 1996 gelang es dem schottischen Team um Ian Wilmut, das erste Säugetier aus erwachsenen Zellen zu klonen. Aus einer Euterzelle eines sechs Jahre alten Tieres zeugten die Wissenschaftler einen Klon im Schafspelz und stellten ihn vor vier Jahren der Öffentlichkeit vor. Doch für ein einziges gesund geborenes Lamm brauchte Wilmut 277 Anläufe - ähnlich wie Jahre vor ihm schon Karl Illmensee mit seinen kopierten Mäusen.

Auch "bei allen anderen Tieren ist die Erfolgsrate sehr dürftig, und immer kommt es zu späten Misserfolgen", sagte Wilmut der "Zeit". Dollys Vater hält die Pläne von Antinori & Co für einen "Albtraum"; er kam nicht zur Konferenz. Manche Klone sind fast zweimal so groß wie normale Tiere, andere kommen mit Herzfehlern oder einem schlecht funktionierenden Immunsystem zur Welt. "Es gibt keine Möglichkeit, so etwas vorher festzustellen, und man kann es auch nicht behandeln", sagt Wilmut. "Wenn man ein Baby mit diesem Problem erzeugt, was tut man dann?"

Der Grund für die Missbildungen liegt im Genom: Im Laufe des Lebens ändert sich das Erbgut - es deaktiviert bestimmte Teile und altert. Aus den undifferenzierten Embryonenzellen werden Spezialisten, Haut- oder Euterzellen etwa. Beim Klonen muss die Uhr für das gealterte Erbgut zurückgedreht werden, damit es noch einmal neu beginnen kann: als junge, alles könnende Stammzelle. Das aber funktioniert nicht problemlos. "Was Antinori vorhat, ist in krimineller Weise verantwortungslos", findet Wilmut. "Diese Leute werden haufenweise Spätaborte produzieren, oder es werden missgebildete Kinder dabei herauskommen, die nach der Geburt sterben. Das wird entsetzlich."

"Ian Wilmut hat die Embryos nicht so genau wie wir auf Defekte untersucht", protestiert Panos Zavos in Rom. In der Arena wird es immer unruhiger. "Er verfügt nicht über unsere Erfahrung, 23 Jahre!" Antinori reißt das Mikrofon an sich. "Deutschland und Japan haben die größte Angst", ruft er. "Die Deutschen haben ein Schuldgefühl. Und die Japaner haben psychologische Probleme. Aber es gibt genug Länder, die das Klonen von Menschen erlauben. Wir werden in einem Land arbeiten, das uns unterstützt."

Falls das Projekt "Copy Kid" schief geht, wird das Klonen "für die nächsten 100 Jahre verboten sein", wie der Bioethiker Gregory Pence vermutet. Das wissen auch Antinori & Co. Sie werden sich hüten, ihre Versuche und Irrtümer in Begleitung der störenden Öffentlichkeit durchzuführen. "Bei uns ist die Welt in guten Händen", sagt Zavos beruhigend in die Kameras. Nur welche Wissenschaftler das Projekt durchführen, das will er nicht sagen. "Und auch der Ort kann nicht genannt werden" - aus Sicherheitsgründen, versteht sich. Der "Spiegel" will trotzdem herausbekommen haben, dass der erste menschliche Klon in Israel zur Welt kommen soll. Die Firma "Abaclon" lasse zurzeit in Caesarea nördlich von Tel Aviv die Anlagen bauen.

Ein junger Mann mit langen Haaren und weißem Kittel stürmt in die Aula, einen Stapel Flugblätter im Arm. Er will die Erklärung eines Professors verlesen, der sich darüber empört, dass der Klonkongress an diesem historischen Ort stattfindet. Antinori springt auf, einer der Organisatoren versucht vergeblich, ihn zurückzuhalten. Antinori schimpft, die Tagung tobt.

Draußen, wo es ruhig ist und am Himmel erste Wolken heranziehen, blickt Karl Illmensee auf die römische Architektur der Polyklinik, auf die Pastellfarben, die grünen Schlagläden vor den Fenstern. "Es ist tatsächlich unmöglich, einen Embryo auf jeden genetischen Defekt zu prüfen", sagt er. Ob er denkt, dass der kopierte Mensch - ohne dass wir es wissen - längst unter uns ist? "Nein", sagt Illmensee, "ich glaube nicht, dass die Technik schon funktioniert. Weltweit gibt es vielleicht vier, fünf Gruppen, die das hinkriegen." Dottore Antinori steht jetzt auch im Freien und gibt ein Fernsehinterview. "Das Team von Antinori ist da mitgerechnet", ergänzt Illmensee.

Welche Gruppe auch immer der Gewinner des Wettrennens um die erste Menschenkopie sein wird - die Schöpfer werden ihre Kreatur erst vorstellen, wenn sie perfekt ist. Es wird keine Marilyn Monroe sein und kein Hitler. Doch eines ist sicher: Der erste Klon wird mehr tote Geschwister haben als je ein Mensch zuvor.

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