Klos für Indien : Heldin der Hygiene

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Dass der Mensch müssen können muss, weiß jeder, der schon einmal den Depardieu in sich hat unterdrücken müssen. Diese Qual, diese Pein, diese Schweißperlen auf der Stirn, die nur austreten, weil etwas anderes gerade nicht austreten kann. Fürchterlich, das muss nicht weiter erörtert werden, oder doch, wenn eben dieser Ort fehlt. Anita Narre, eine junge Inderin aus dem zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh, hat jenen Ort nicht gefunden. Dann hat sie gehandelt. Das war vor einem Jahr, als sie einen jungen Arbeiter geheiratet hat und bei Einzug feststellen musste, dass in seinem Haus keine Toilette vorhanden war. Memsahib Narre drehte sich auf dem Absatz wieder um, verließ den Gatten und kehrte erst wieder zurück, nach dem dieser eine Toilette eingebaut hatte. Sie hat nun 7700 Euro von einer gemeinnützigen Organisation erhalten für ihr, wie es in der Laudatio heißt, „mutiges Handeln“. Die Sache hatte, wie man sich bei diesem Geschäft denken kann, Weiterungen. Andere Frauen des Dorfes taten es ihr gleich und zwangen ihre Männer stille Örtchen der allen Menschen gleichen Bedürfnisse zu bauen. Bravo!

Gegen das jetzt möglicherweise aufkommende Schmunzeln über diese hinterindische Posse soll jetzt mal ein wenig schlechtes Gewissen gepflanzt werden. Laut einer Studie verbringt jeder Mensch täglich zwanzig Minuten auf der Toilette. Wohl dem, der eine hat, sich gemütlich hinsetzen kann, womöglich eine Zeitung lesen kann beim Geschäft, und wenn das abgeschlossen ist, auch noch eine Spüle besitzt, die er betätigen kann. 2,6 Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu funktionstüchtigen Sanitäranlagen.

Es denkt wahrscheinlich kaum einer darüber nach, was er tut, wenn er es tut, aber 42 Liter reinsten Trinkwassers, die jeder Einzelne von uns täglich durch den Siphon rauschen lässt, sind eine Menge Trinkwasser, eine einzige Spülung entspricht dem Tagesbedarf eines Menschen in Entwicklungsländern. In denen leiden die Menschen an fehlenden Klos, laut Weltgesundheitsorganisation sterben zum Beispiel in Afrika stündlich 115 Menschen infolge mangelnder Hygiene.

Genug des schlechten Gewissens, ein Hoch auf Memsahib Anita Narre für ihre revolutionäre Tat. Wie die UN herausgefunden haben, haben inzwischen mehr Inder ein Handy als eine Toilette.

Passend dazu eine Nachricht aus Großbritannien, wo jährlich 85 0000 Menschen ihr Handy im Abfluss verschwinden sehen. Toiletten sind schon geheimnisvolle Örtchen.Helmut Schümann

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