Zeitung Heute : Kloses Humor wohnt in Kusel

Harald Martenstein besucht des Stürmers Wohnort

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Wenn man über Miroslav Klose zu schreiben hätte, müsste es eine Geschichte über die Langsamkeit sein. Erst mit 20 Jahren hat der Stürmer Klose ernsthaft mit dem Profifußball angefangen, erst jetzt, mit 28, ist er in der Weltklasse angekommen. In der Entwicklung war er immer drei, vier Jahre langsamer als die anderen. Und in Kusel, Rheinland-Pfalz, bei der Jugendmannschaft der SG Blaubach-Diedelkopf, hat keiner seiner Trainer ihn als das erkannt, was er ist. Lehmann war schon als Kind immer super. Klose schien immer Durchschnitt zu sein.

Kusel liegt am Ende der Bahnstrecke. Der Zug fährt Ewigkeiten durch einen Tunnel aus Blättern, vorbei an Burgruinen und Seerosenteichen, die Dörfer heißen Vogelweh und Obermohr. So lieblich, so verwunschen ist Deutschland fast nirgends mehr. Zum ersten Mal sind kaum Fahnen zu sehen. Die Gleise hören einfach auf, vor einer Art Silo, auf dem das Wort „Raiffeisen“ steht. Kein Bahnhof, keine Taxis. Man geht am besten zu Fuß. Die Klose-Eltern wohnen in dem Dorf Blaubach, ein paar Kilometer weiter. Das Haus ist neu und unauffällig, keinerlei Anzeichen für Reichtum. Auf dem Dach: Solarzellen. Ein mittelgroßer BMWGeländewagen steht davor, er gehört Kloses Ehefrau. Während der WM wohnt sie mit den Kindern bei den Schwiegereltern, damit sie sich nicht so allein fühlt. Das erzählen die Leute im Dorf.

Im Bioladen gibt es Bio-T-Shirts aus fairem Handel mit der Aufschrift „Gastfreunde“, in SchwarzRot-Gold. Das Sporthaus Wirtz hat ein liebevoll gestaltetes Plakat mit den WM-Ergebnissen ins Schaufenster gehängt, aber es gibt ein Problem. Bei „Achtelfinale“ sind nur vier Spiele mit acht Mannschaften vorgesehen, bei „Viertelfinale“ zwei Spiele mit vier Mannschaften, in Wirklichkeit sind es doppelt so viele – aber wieso heißt es auch „Achtelfinale“, wenn 16 Teams dabei sind? Das ist doch verwirrend. Das Sporthaus Wirtz trägt die neueren Ergebnisse nicht mehr ein.

In einem Gasthaus stellt die Bedienung einen Aquavit hin, sie sagt, das hilft immer noch am besten gegen die Hitze. „Wenn sie über Kusel zu schreiben haben, müssen sie erzählen, dass hier nix los ist.“ „Irgendwas Besonderes muss es doch geben.“ „Gehen Sie in die Ziegelgasse.“ In der Ziegelgasse steht ein schönes altes Bürgerhaus. An dem schönen alten Haus ist eine große Gedenktafel befestigt. Die Aufschrift lautet: „In dieser Residenz weilten am 5. Sep. 1788 weder J. Wolfgang v. Goethe noch Friedrich v. Schiller“. Klose hat den gleichen Humor. Die nächste Station heißt Herzogenaurach.

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