Zeitung Heute : Klug, höflich, brutal

Die Geisel der Mörder von Tessin spricht im TV

Andreas Frost[Schwerin]

Während Eyleen gefesselt auf der Hinterbank des uralten weißen VW-Polos saß, sagten Felix und Torben, „dass es ja ganz interessant ist, zu wissen, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten, dass es gar kein schwieriges, schlimmes Gefühl ist, dass es sich ganz leicht anfühlt“. Wie bei einer Schlägerei, „ganz normal“, sollen die beiden gesagt haben. Dann dachte Felix über Selbstmord nach. Keineswegs aus Verzweiflung, sagt Eyleen. „Felix wollte sich nur nicht von denen da draußen kriegen lassen.“ Ruhig und sachlich berichtet das 15 Jahre alte Mädchen am Mittwochabend bei Günther Jauch in „Stern-TV“ über die wohl schlimmste Nacht ihres jungen Lebens. Mehr als eine Stunde lang war sie Geisel zweier Gymnasiasten, beide 17, die gerade zwei ihrer Nachbarn in Tessin bei Boizenburg ermordet hatten. Der Nebel um die Motive der beiden jungen Täter hat sich durch den Fernsehauftritt allerdings kaum gelichtet. Es bleibt unfassbar, was am vergangenen Samstag über das kleine Backsteindorf hereingebrochen ist.

Nachbarn, Lehrern und Mitschülern galten die beiden Jungen als unauffällig, klug und höflich. Auch Eyleen weiß nicht, warum sie Peter E. und seine Frau Antje zu ihren Opfern erkoren. Sie hat nicht gesehen, wie die beiden immer wieder auf den 46 Jahre alten Fensterbauer und seine Frau einstachen. Zum Zeitpunkt der Tat lag sie gefesselt in einem Schuppen. Allerdings sagt sie, dass Felix und Torben an dem Abend den Film „Final Fantasy VII“ gesehen hätten. Darin besiegen die Bösen die Guten recht blutig.

An jenem Abend war Eyleen, die nach eigenem Bekunden „extrem gut“ mit Felix’ Schwester befreundet ist, in das Haus von Felix gekommen. Als sie dort die beiden Jungen traf, hätten sie normal gewirkt. Nur einmal habe sie sich gewundert, weil sie aus dem Zimmer geschickt wurde, die Jungen wollten noch etwas besprechen. Dann seien sie losgezogen, wie so häufig zur Bushaltestelle im Dorf, hätten dort einige Kumpel getroffen, seien dann aber zu dritt weitergegangen. Plötzlich, sagt Eyleen, hätten Felix und Torben sie mit Kabelbindern und Klebeband gefesselt und in einen Schuppen gebracht. „Ich hab’ es für einen Scherz gehalten, ich dachte, die wollten mir ein bisschen Angst einjagen.“ Vom Ernst der Lage sei sie selbst dann noch nicht überzeugt gewesen, als die beiden sie mit Messern bedrohten.

Die Jungen holten das Mädchen erst nach dem Überfall an den Tatort. „Glaubst du uns jetzt? Der Mann da ist tot“, fragten die beiden. Es sind Sätze wie dieser, die den Greifswalder Psychologen Manfred Bornewasser am Donnerstag vermuten ließen, dass die Jugendlichen die Tat als Mutprobe verstanden haben könnten, mit der sie das Mädchen beeindrucken wollten. Vorher schon hatten die beiden Jungen erwähnt, sagt Eyleen, „dass ich ihnen zu ruhig wäre“. Jauch fragt: „Nach dem Motto: Wie kann man dich eigentlich schockieren?“ Genau, sagt Eyleen, aber Angst habe sie nicht gehabt. Alles, was sie fühlte, sei eine „unendliche Leere“ gewesen. Psychologe Bornewasser meint, das könnte die Folge eines Schocks sein, um das Erlebte auszuhalten.

Die 15-Jährige war auf eigenen Wunsch in Jauchs Sendung gekommen, obwohl der Kinderschutzbund das Gespräch als „maßlos verfrüht“ kritisiert hatte. Zu viel Falsches sei in den vergangenen Tagen über sie berichtet worden, sagt Eyleen. So sei sie weder mit Felix oder Torben noch mit dem Sohn der Opfer enger befreundet. Der Psychologe Bornewasser sagt, die Schülerin habe das Fernsehinterview möglicherweise als Chance gesehen, um sich von den Tätern zu distanzieren.

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