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Eine Karriere an der Universität beginnt ganz unten – nicht nur beim Gehalt

Andreas Monning

Einen Großteil der Studierenden zieht es nach dem Studium in die Wirtschaft. Diplomfeier, Magisterparty – und man sieht sich. Ein Teil aber entscheidet, im Schoß der Uni weiterzuforschen. Wer als Wissenschaftler an der Hochschule bleiben will, sollte allerdings frühzeitig die Weichen stellen, schließlich hat man eine lange Karriereleiter vor sich: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (WiMi) Promotion, anschließend Habilitation, möglicherweise bis zur Lebenszeitprofessur. Die Ziele steckt sich jeder selber.

Dass Erstsemester nicht wissen, ob sie eines Tages als Privatdozent vor Seminaren stehen wollen, ist normal. Umso wichtiger, frühzeitig zu beginnen und alle Türen offen zu halten: am besten als Studentische Hilfskraft (HiWi). HiWis lernen quasi von der Pike auf. Auch wenn der Wissenschaftsbetrieb der Hochschule theoretisch ganz unterschiedliche Einstiegs-Varianten zulässt, scheint die Mitarbeit als HiWi immer noch die obligatorische erste Stufe der Karriereleiter zu sein.

Das sagen Studierende, aber auch der Vorsitzende des Deutschen Hochschulverbandes, Universitätsprofessor Dr. Bernhard Kempen: „Hilfskräfte bekommen Einblick in wissenschaftliches Arbeiten, der ihnen Orientierung bei der Frage gibt: Was genau will ich eigentlich machen? Wer denkt, dass er auf dem richtigen Weg ist, kann von dort aus alle weiteren Schritte planen, der Anfang ist jedenfalls gemacht.“ HiWis und Tutoren arbeiten parallel zu Vorlesungen und Seminaren Seite an Seite mit Dozenten und Wissenschaftlern, erhalten wichtige Einblicke in spätere Tätigkeitsbereiche, knüpfen Kontakte zu zukünftigen Kollegen. Sie sind irgendwie schon „drin“. HiWis übernehmen eine Menge Aufgaben, zu denen neben anspruchsvollen Recherchen und Seminarvorbereitungen natürlich auch Kopieren gehören kann.

Wer eine Wissenschaftskarriere ins Auge fasst, sollte den Dozenten am besten möglichst früh darüber informieren. Gemeinsam lässt sich planen, wie der nächste Schritt gelingen kann. Waren die Erfahrungen der Zusammenarbeit gut, übernimmt der Dozent möglicherweise die Betreuung der Abschlussarbeit, vielleicht sogar die der Doktorarbeit.

Der Weg bis dahin kann manchmal lang sein, Hilfswissenschaftler sind nicht auf Rosen gebettet und in der Regel unterbezahlt. Trotzdem lässt sich mit einer HiWi-Stelle durchaus ein Studium finanzieren, vor allem in Berlin, wo Hilfskräfte mit durchschnittlich 10,98 Euro pro Stunde einen höheren Lohn erhalten als anderswo. Davon profitierte auch Stephan Humer (28), der heute Doktorand am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin (FU) ist. Seine Entscheidung für eine wissenschaftliche Karriere fällte er schon zu Beginn des Hauptstudiums. Er bewarb sich um eine Stelle als HiWi und betreute den PC-Pool des Instituts. Als Tutor kreierte er EDV-Übungen, die er anschließend selbstständig durchführte.

Heute nimmt der Soziologe neben seiner Dissertation einen Lehrauftrag an der FH Potsdam zum Thema Datensicherheit wahr, die HiWi-Tätigkeit findet er als Voraussetzung für eine Wissenschaftskarriere unverzichtbar: „Man bekommt einen Einblick in den Wissenschaftsbetrieb, den ein Externer kaum aufholen kann. Ich habe direkt mit den entscheidenden Leuten kommuniziert, irgendwann kannte man mich – und ich wusste bald, wo man am besten publizieren kann. Wer diese Chance nutzt, hat später gute Karten.“

Auch Klara Siraki hat diese Erfahrungen gemacht. Die 34-Jährige arbeitet und promoviert am Lehrstuhl für Maschinenbau der Ruhruniversität Bochum (RUB). Während des Hauptstudiums bot ihr ein Betreuer nach erfolgreich abgeschlossener Studienarbeit den HiWi-Job an, den sie bis zum Diplom machte. Da die Maschinenbauerin nicht zum Kopieren verdonnert wurde, sondern ernsthaftes wissenschaftliches Arbeiten kennen lernte, fand sie immer mehr Gefallen daran – und blieb dabei. Nach dem Diplom ergatterte sie eine Anstellung als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Als Hiwi kann man zunächst herausfinden, ob überhaupt eine wissenschaftliche Karriere in Frage kommt. Wenn ja, dann lernt man schon während der HiWi-Zeit gewisse Basics, die den Einstieg in die Wissenschaftlerkarriere erleichtern. Und: Die Tätigkeit öffnet Türen für eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter.“

So sieht es auch Henrik Stohr. Der 32-Jährige arbeitet auf einer befristeten Doktorandenstelle am Institut für Stadt- und Regionalökonomie der TU Hamburg-Harburg. Sein Diplom hat er zuvor an der Uni Dortmund gemacht, wo er auch als HiWi und Tutor beschäftigt war. Für ein Forschungsprojekt übernahm er Rechercheaufgaben, erstellte Fragebögen, bereitete Präsentationen vor. Als Tutor lernte er Arbeitstechniken und -Methoden zu vermitteln und zu erklären, wie man Veranstaltungen moderiert. Neben der Arbeit an seiner Dissertation ist der Stadtplaner heute in der Lehre tätig, wirkt an Seminaren mit und betreut eigenverantwortlich Studienprojekte.

Auch wenn Henrik Stohr seinen Karriereweg nicht immer leicht fand, den Wissenschafts-Dschungel würde er heute auf die gleiche Weise erobern: „Der Einstieg als HiWi ist ideal. Man arbeitet an den eigenen Fähigkeiten und kann sein Können gleichzeitig präsentieren. Wichtig ist außerdem, im Forschungsnetzwerk sein Gesicht gezeigt zu haben. Später, wenn es um Stellenvergaben geht, erinnert man sich an einen – natürlich nur, wenn man gut gewesen ist.“

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