Zeitung Heute : Kluge und Törichte Jungfrauen - eine Neuorientierung

Die erste Skulpturengruppe des Mittelalters, die nur Frauen darstellt, befindet sich im Magdeburger Dom

Jacqueline E. Jung

Die zehn Sandsteinstatuen der Klugen und Törichten Jungfrauen am Nordportal des Magdeburger Doms wurden um 1240 gestaltet; die Bildhauer waren vom hochexpressiven Stil durchdrungen, der sich etwas früher in Bamberg und Reims entwickelt hatte. Das Konzept ist Bahn brechend, denn es handelt sich um die erste große Skulpturengruppe des Mittelalters, die einzig einer biblischen Parabel gewidmet ist und auch die erste, die ausschließlich weibliche Figuren enthält.

Von ihr ausgehend verbreiteten sich in Windeseile Jungfrauenportale im gesamten deutschsprachigen Raum von den relativ gesetzten Fräuleins am Straßburger Münster bis zu den überschwänglichen jungen Frauen am Erfurter Dom. Die Darstellung der Jungfrauen als individualisierte Figuren mit starker körperlicher und psychologischer Präsenz markierte eine gewagte Neuorientierung weg von einer bei kleineren Skulpturen etablierten Ikonographie, wie man sie etwa auf dem Tympanon der Galluspforte am Basler Münster oder bei den Figuren in der Apsis des Magdeburger Doms findet.

Die Einheitlichkeit hinsichtlich Physiognomie und Kleidung - jede der Frauen trägt ein luxuriöses Gewand - stimmt mit überlieferten theologischen Interpretationen überein, denen zufolge nicht äußerliche Handlungen oder Charakterzüge, sondern unsichtbare innere Motivationen bestimmten, welche der Jungfrauen nicht für die Hochzeit bereit waren.

Gleichzeitig erreichen die Klugen und Törichten Jungfrauen am Dom von Magdeburg mit ihren fast identischen Körpern und Gesichtern eine erhöhte Wirkung, weil sie durch flüchtige Gesten und Gesichtsausdrücke von einer Bandbreite und Lebendigkeit miteinander verbunden sind, die es bis dahin in der mittelalterlichen Architekturbildhauerei nicht gegeben hatte.

Während die Klugen ihre Gegenstücke kühn aus Augen ansehen, die vom Druck ihrer vollen Wangen nach oben geschoben werden, scheinen die Augen der Törichten kaum etwas zu sehen, so sehr werden sie von den geschwollenen Lidern zusammengedrückt. Die subtile Darstellung flüchtiger Muskelbewegungen, die von unterschiedlichen emotionalen Befindlichkeiten hervorgerufen werden, auf ansonsten identischen Gesichtern, setzt bei den Bildhauern ein klares konzeptionelles und interpretatives Differenzierungsvermögen zwischen der unveränderlichen Struktur des Gesichts und den möglichen Positionen der Gesichtszüge voraus.

Diese Differenzierung wurde zur damaligen Zeit noch nicht einmal in den fortschrittlichsten Texten konsequent durchgehalten.

Die Autorin ist Professorin für Kunstgeschichte an der University of California, Berkeley.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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