Zeitung Heute : Knäuel im Kopf

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man gefährliche Hirnblutungen verhindert

Hartmut Wewetzer

Plötzliche, vernichtende Kopfschmerzen sind ein Alarmsignal. Dahinter kann eine Hirnblutung aus einer Gefäßaussackung stecken, in der Fachsprache „Aneurysma“ genannt. „Es sind Schmerzen, wie man sie nie zuvor gekannt hat“, sagt Andreas Hartmann von der Berliner Uniklinik Charité. Die Gefäßaussackungen sitzen wie kleine Beulen an den Schlagadern der Hirnbasis. Reißen sie auf, blutet es in den Hirnwasserraum, der das Gehirn umgibt.

Das Blut kann Blutgefäße abquetschen oder das Gehirn unter Druck setzen. Das ist brandgefährlich: Fast jeder Zweite stirbt innerhalb von 30 Tagen daran. Aneurysma-Blutungen sind nicht selten, sondern dritthäufigste Schlaganfallursache. Inzwischen werden die riskanten Gefäßaussackungen öfter entdeckt, bevor sie bluten. Der Grund sind Aufnahmen mit modernen „bildgebenden“ Verfahren wie der Computertomografie oder der Magnetresonanztomografie. Das macht es möglich, die Gefäß-Aneurysmen vorbeugend zu behandeln. Meist, wenn die „Beulen“ größer als 0,7 Zentimeter sind.

Früher musste der Schädel aufgesägt werden, um an das betroffene Blutgefäß heranzukommen und die Aussackung mit einer kleinen Metallklemme auszuschalten. Aber seit rund zehn Jahren setzt sich immer mehr ein Verfahren durch, das ohne große Operation auskommt. Dabei wird ähnlich wie bei einer Herzkatheter-Untersuchung ein dünner Schlauch von einem halben Millimeter Durchmesser von der Leistenbeuge bis in die betroffene Hirnschlagader vorgeschoben.

Ist der Katheterschlauch bei der Gefäßbeule angelangt, kommt der Clou. Durch den Schlauch wird ein feiner Platindraht in das Aneurysma vorgeschoben. Hier rollt er sich zu einem Knäuel zusammen. „Der Draht hat eine Art Gedächtnis“, sagt Andreas Schilling vom Franklin-Klinikum der Charité. Wenn der Draht den Schlauch verlässt, nimmt er wieder die Form an, die er vorher hatte. So lässt sich das Aneurysma mit dem Draht zu einem großen Teil ausfüllen. Den Rest erledigt der Körper. Er bildet Narbengewebe und verschließt damit die drohende Blutungsquelle.

„Coiling“ (von englisch „coil“ für Spule) nennt sich das Verfahren. „Wenn es keine weiteren Probleme gibt, brauchen wir 20 Minuten für den Verschluss eines Aneurysmas“, sagt Schilling. „Die Patienten können nach drei Tagen nach Hause gehen, während sie nach einer Operation über Wochen im Krankenhaus bleiben müssen.“ Trotzdem ist auch der Hirnkatheter nicht ohne Risiko: Bei zwei bis drei Prozent der Patienten drohen bleibende Schäden. Der Eingriff will also genau überlegt sein.

Aber wie navigiert man den dünnen Schlauch durch das Labyrinth der Blutgefäße bis in das nur millimetergroße Aneurysma? „Der Patient muss sehr ruhig liegen, deshalb behandeln wir nur in Vollnarkose“, erklärt Schilling. „Außerdem kann man sich die Spitze des Katheters zurechtbiegen, damit er seinen Weg findet.“ Was Schilling nicht sagt: Ein bisschen Geschick braucht man auch. Vorsichtig gesagt.

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