Zeitung Heute : Knappe Entscheidung für "Unter dem Gras darüber"

Christian Hörburger

Es hätte für die Jury des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" in Baden-Baden richtig heimelig werden können, wenn weniger Favoriten und luzide Hörspielnamen zu belauschen gewesen wären. Die gemütliche Bandmaschine als Abspielmedium jedenfalls hat im 49. Jahr der renommiertesten Auszeichnung für das Hörspiel im deutschen Hörfunk endgültig ausgedient und muss im Abhörraum der kompakten DAT-Maschinerie weichen. Da standen sich auf rund 50 Kleinstkasetten so illustre Namen wie Hans Magnus Enzensberger (WDR), Raymond Federman (BR), Christoph Hein (MDR), Jürgen Geers (HR) oder Christoph Schlingensief (WDR) gegenüber. Diese Autoren konkurrierten mit sehr unterschiedlichen Welt- und Hörsichten, die bald rechtschaffen traditionell oder auch bemüht postmodern ins Ohr sich schleichen wollten. Enzensberger, es sei geklagt, konnte mit seinem Hörspiel "Ohne uns. Ein Totengespräch", eine späte Elegie auf älter gewordene Anarchisten "irgendwann in der Zukunft", nicht mehr überzeugen und ließ wehmütige Erinnerungen an sein akustisches "Titanic"-Abenteuer von 1979 wach werden.

Von ganz anderer akustischer Qualität entpuppte sich dagegen die wunderbare Hörspieladaptation "Take it or leave it" von Ulrich Gerhard nach einer Romanvorlage von Raymond Federman. Es ist dies ein veritables akustisch-literarisches Roadmovie, ein französisch-amerikanisch-jüdischer Schelmenroman, der fast mühelos in die Endrunde gelangte und dort unter der denkar knappen Bedingung von nur einer Stimme unterlag. Beste Aussichten auf den begehrten Hörspielpreis hatte auch über sehr viele Stunden das bewusst auf den öffentlich-rechtlichen "Radio-Skandal" setzende Hörspiel "Lager ohne Grenzen" von Christoph Schliegensief, eine "europäische Benefizveranstaltung gegen den Krieg", die im Rahmen einer Radioshow die heuchlerischen Friedensbeteuerungen unserer Großen aus Politik, Wirtschaft und Kultur mit bösem Scharfsinn desavouiert. Diese herrlich böse Attacke hat es in sich, doch der sarkastische Zungenschlag war der Jury eine Spur zu provokant, vielleicht zu zwiespältig.

Mit dem hauchdünnen Abstand von einer Stimme (10:9) entschied sich die Hörspieljury schließlich in einer vehemmten Kampfabstimmung die auf 16 Hörstunden bemessene Orginalton-Collage "Unter dem Gras darüber" (HR), Erinnerungen an 100 Jahre deutscher Geschichte und Schicksale. Das Autorenteam Inge Kurtz und Jürgen Geers haben diese präzisen und unprätentiösen Lebensberichte aus 140 Interviewstunden zu einem überzeugenden akustischen Radiotag "eingedampft". Dabei ist Jürgen Geers dem dokumentarischen Orginalhörspiel genaugenommen schon seit Jahrzehnten verpflichtet und lud das "Volk" bereits auf der "Documenta" in seinen "Meinungscontainer" zum öffentlichen Reden, Sprechen und Palavern ein. Ausgeschlossen von dem preisgekrönten Mammut-Hörtableau waren dankenswerterweise auch diesmal wieder die ganz prominenten Zeitzeugen- und Stimmen und damit eine verfälschende Sicht von "oben" auf die Zeitgeschichte. Gegen die Dokumentation ließe sich vielleicht einwenden, dass sie die ersten fünfzig Jahre facettenreicher spiegelt als die nähere Gegenwart, die in den Interviews manchmal blässlich oder gestanzt daher kommt. Doch solche Beobachtung hat auch ganz klar mit der ganz unterschiedlichen Redefähigkeit der Generationen zu tun. Eine ganz unverfängliche, aber beileibe keine schlechte Entscheidung für den 49. "Hörspielpreis der Kriegsblinden".

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