Zeitung Heute : Knast Knigge im

Welche Rolle bekommt das Tafeln in langen Gefängnisjahren? Wie speist man stilvoll hintern Gittern? Wir haben einen Fachmann gebeten, darüber zu schreiben.

Ludwig Lugmeier

Ludwig Lugmeier, geboren 1949 im oberbayerischen Kochel am See, kam mit 15 Jahren wegen Einbruchs erstmals ins Gefängnis. Später erwarb er sich mit Überfällen auf Geldtransporte – die Beute waren 2,7 Millionen Mark – einen legendären Ruf. 1976 schrieb die gesamte deutsche Presse über ihn, nachdem er während seines Frankfurter Prozesses durch einen Sprung aus dem Fenster des Gerichtssaals entkommen war. Die Flucht bis zu seiner erneuten Verhaftung führte über London, Bahamas, Ecuador, Afghanistan nach Island. Er verbrachte zwölf Jahre hinter Gittern. Heute lebt Lugmeier als Schriftsteller und Märchenerzähler in Berlin.

* * *

Zu siezen fingen wir uns beim Essen an. „Das mit dem Du ist so“, sagte Reinhold, „als stopfte man sich die Nudeln mit den Fingern in den Mund. Und wischen Sie Ihre Pfoten nicht wieder am Tischtuch ab, Herr Lugmeier. Schließlich steht vor Ihrer Nase eine Rolle Scheißpapier.“

Etikette bleibt Etikette. Weiß der Teufel, woher er die Tischdecke hatte. Sie war weiß und gebügelt, die Löcher hatte er gestopft, sorgfältig, ich hatte zugesehen, wie er mit Nadel und Faden die Schäden behob. In der Mitte des Tisches platzierte er eine Kerze. Die Speiseteller waren aus Porzellan. Irgendwie hatte er sie aus der Küche besorgt. Die Aufseher sahen darüber hinweg, denn hätten sie sie ihm aus dem Spind gefilzt, hätte er gebrüllt oder Speisereste gesammelt, um zu beweisen, dass man ihn mit Dioxin vergiften wollte.

Zum Dinieren zog er den braunen Drillich an, den er abends unter die Matratze legte, damit er gebügelt blieb. Dann wienerte er den Toilettendeckel. Reinhold sah fast wie ein Gentleman aus, besonders wenn er sich zum Hofgang den Börsenteil der „FAZ“ unter die Achsel klemmte.

„Noblesse oblige“, sagte der Kirchenrat, der pünktlich um zwölf Reinholds Zelle betrat. „Lassen Sie sich von den schlechten Manieren in der Abteilung nicht anstecken. Erst putzen die Leute ihre Schuhe nicht, dann fressen sie wie Franz aus der Plastikschüssel.“

Nach vier Jahren Knast sah der Kirchenrat allerdings selbst ein wenig heruntergekommen aus. Zwar steckte er sich als Serviette ein Geschirrtuch hinter den Kragen, aber zu rasieren bequemte er sich nur zum sonntäglichen Kirchgang noch. Von dort brachte er manchmal Schokoladenkuchen mit, der nach Nächstenliebe und Rosinen schmeckte und den wir als Nachspeise aßen. Gott hatte ihm längst verziehen, dass er ein paar Millionen unterschlagen hatte, doch die Justiz trug es ihm länger nach. Mich hatten sie zur Mittagsrunde geladen, nachdem sie festgestellt hatten, dass ich mit Messer und Gabel aß.

Während der Mittagsstunde blieben die Zellen aufgeschlossen. Sobald die Kalfaktoren den Wagen mit den Thermoskübeln über die eisernen Umlaufgänge schoben, stellte er sich vor die Tür und hielt die Aluminiumtöpfe hin. Erst angelte er das Wellfleisch aus den Tiegeln, dann tranchierte er es auf dem Toilettendeckel und ordnete die mageren, genießbaren Restchen auf den Tellern an.

„Es fehlt wie üblich an Salz“, sagte er, „doch eins zwei drei, das haben wir! Auch Majoran ist da. Den heb ich aber besser für die Kartoffelsuppe am Freitag auf.“

Über ihn hinweg sah ich, wie in der Zelle gegenüber Franz sein Wellfleisch verschlang. Erst baggerte er es mit dem Löffel aus dem Plastiktopf, dann transportierte er es mit den Fingern zum Mund. Seine Hände, mit denen er in besseren Zeiten ein paar Frauen erwürgt hatte, waren so groß wie die eines Bauarbeiters. Im Lauf der Zeit war er immer träger und sein Blick immer schwerer geworden. Nun fiel er in den Topf und versank darin.

„Er frisst wie ein Schwein“, sagte der Kirchenrat.

„Nach 25 Jahren essen alle so“, behauptete ich.

„Keineswegs“, entgegnete der Kirchenrat, „sehen Sie sich Georg an!“

Der wohnte seit 35 Jahren am Ende des Trakts. Wenn er auf Brotscheiben Margarine und Schmierkäse strich, glättete er den Belag mit der Messerklinge, bis er gleichmäßig war. Die zwei Nürnberger Bratwürstchen am Montag betupfte er so mit Senf, dass der Mostrich die Stellen markierte, in die er zu beißen hatte. Das Kartoffelpüree häufelte er in mundgerechten Bissen auf den Blechteller. Einmal hatte ich mich mittags zu ihm gesetzt.

„Weißt du, dass ich tot war?“ hatte er gefragt.

„Tatsächlich“, hatte ich geantwortet, „wie war’s da so?“

„Dunkel. Ich hab den Schemel unters Fenster gestellt und mich aufgehängt. Erst hat es zwischen den Augen gezischt, wie wenn du auf den Finger spuckst und auf die Herdplatte tupfst. Aber dann ratschte der Vorhang zu.“

„Wann hast dich umgebracht?“

„Vor zwei Jahren, nach meiner Verurteilung.“

„Seine Essgewohnheiten“, sagte ich zum Kirchenrat, „kommen daher, weil er glaubt, dass wir erst 1957 schreiben. Aber sehen Sie sich doch den Scheich an!“

„Der hat nicht alle Tassen im Schrank“, erwiderte er.

„Drogen“, adjudizierte Reinhold und streute eine Prise Salz übers Fleisch.

„Ich esse nur wie ein Vögelchen“, wisperte der Kirchenrat und lachte verärgert. „Und am Mittwoch keucht er die Treppe hinunter und füllt den Waschzuber mit saurer Lunge und Knödeln voll. 30 Stück! Mampft er in zehn Minuten weg!“

„Als ob der Nachschlag nicht für alle wär“, sagte Reinhold. „Bald ist er wahrscheinlich so fett, dass er nicht mehr aus der Zelle kommt.“

„Krücke unter der Achsel“, sagte der Kirchenrat, „aber wenn’s Nachschlag gibt, siehst du nur noch einen Wisch in der Luft.“

Reinhold zog den Kartoffeln die Pelle ab und schnitt die blauschwarzen Froststellen aus. Irgendwie hatte er aus der Küche ein kleines scharfes Messer besorgt, mit dem sich die Kartoffeln gut schneiden ließen. Damit er die Anstaltsruhe nicht stören musste, verbunkerte er es unter einem Bodenbrett.

„Noch ein Kartöffelchen mehr, Herr Kirchenrat?“

„Legen Sie ruhig die Potacken drauf“, sagte der, „und bröseln Sie darüber ein wenig Majoran.“

„Ganz wie Sie meinen“, erwiderte Reinhold, „aber denken Sie daran, dass es am Freitag Kartoffelsuppe gibt.“

„Am Dienstag gibts Rinderherzen in Rotweinsoße“, sagte der Kirchenrat. „Vielleicht könnte Ihr Freund eine Flasche aus der Küche besorgen, bevor er verkocht.“

„Zum Kochen“, warf ich ein, „sollte man keine billigen Weine verwenden. Für Coq au vin habe ich früher nur Burgunder aus guter Lage genommen.“

Der Kirchenrat nickte kurz. Dann schwieg er indigniert, zündete die Kerze an, rückte Messer und Gabeln zurecht und tupfte sich prophylaktisch mit dem Geschirrtuch die Lippen ab. Reinhold zählte jeweils drei Löffel Wirsing auf die Teller und quirlte in die Zwiebelsoße ein wenig von dem Sauerrahm, den wir einmal im Monat vom Arbeitsverdienst beim regulären Einkauf besorgten. Dann probierte er eine Löffelspitze.

„Wie schmeckt die Soße?“, fragte der Kirchenrat.

„Exzellent“, sagte ich. „Man merkte eben, dass es kein Kochwein für einsneunundneunzig war. Schließlich besorgte ich auch die Bressonhühner nicht im Supermarkt. Dazu aß ich gerne frisches Baguette oder Trüffelkartoffeln.“

„Der Wirsing ist dieses Mal ausgezeichnet“, unterbrach mich Reinhold, löffelte Soße über die Kartoffeln und stellte dem Kirchenrat den Teller auf den Tisch. Dann holte er seinen eigenen. Während die Kalfaktoren mit den Kübeln die eiserne Wendeltreppe hinunterpolterten und der Aufseher das Zwischengitter am Ende des Traktes schloss, kippte er mir über das Gemüse den Rest der Soße.

„Am liebsten“, fuhr ich fort, „dinierte ich früher im Belvedere in Holland Park. Dort servierte man zum hors d’oeuvre Lachsröllchen mit Beluga gefüllt, Rucola mit geraspelten Nüssen oder Dorade Rosé mit Zitronencreme. Auch im Ritz futterte man ordentlich. Von Zeit zu Zeit flogen sie aus Korea oder Malawi Köche ein. Was ich empfehlen kann, ist Krokodilschwanzfilet mit Mangosoße. Das Fleisch schmeckt nach Fisch und Huhn zugleich. Ich habe auch nirgends solch ein Entrecote gekriegt. Es war ein bisschen rosé und schmolz auf der Zunge. Als Dessert wurde Maracujaeis in der Frucht serviert. Dann arabischer Kaffee, alter Cognac und eine schwarze Brasil.“

„Sie verderben uns den Appetit, Herr Lugmeier“, sagte der Kirchenrat.

„Genau“, schrie Reinhold und fiel ins Du zurück. „Fang endlich zu Fressen an!“

„Aber ich bitte Sie, Reinhold“, beschwichtige ihn der Kirchenrat, zerdrückte eine Kartoffel in der Zwiebelsoße und wünschte: „Gesegnete Mahlzeit.“

Von Ludwig Lugmeier erschien zuletzt: „Der Mann, der aus dem Fenster sprang. Ein Leben zwischen Flucht und Angriff“, Verlag Antje Kunstmann, 336 Seiten, 19,90 Euro.

Aus Aluminiumnäpfen wird das Wellfleisch verteilt. In der Zelle kann es vornehmer zugehen. Foto: pa/dpa

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