Kneipe mit langer Geschichte : Heinrich Zilles Schnapsdestille

Die Gaststätte „Wilhelm Hoeck“ wurde 1892 eröffnet. Noch heute sieht innen alles aus wie damals. Nirgendwo sonst in Charlottenburg gibt’s so viele Berliner Geschichte(n) zum frischen Pils

Es gibt Gäste, die kommen mit dem Taxi her, direkt vom Flughafen Tegel. Dann stellen sie ihren Koffer ab, atmen tief durch und sagen: „Toll, alles wie damals.“ Und Holger Wiedenhöft, Wirt der Gaststätte „Hoeck“, weiß: So ein Besucher könnte mal Student in Berlin gewesen sein. Denn in den 60er-, 70er-Jahren haben sich doch so viele hier getroffen. „Bevor die Uni losging, kamen sie schon zum Frühstück her“, sagt Wiedenhöft. Haben diskutiert und, naja, auch Blödsinn gemacht. Ein damals geworfener Teebeutel klebt noch immer unter der Decke. Und weil Geschichte hier gepflegt wird, hat niemand je versucht, ihn dort wegzuklauben.

Das „Hoeck“, 1892 eröffnet, ist die älteste Kneipe Charlottenburgs. Und vielleicht die authentischste Berlins. Vertäfelte Wände aus dunklem Holz, rustikale, blank gescheuerte Tische, ehrwürdige Schnapsfässer, schummriges Licht. Ein Ort, der zum zweiten Wohnzimmer taugt. Eine Oase im Großstadtlärm. Meist schweigt die Musikbox. Dabei ist alles da. „Die Knef, die Beatles, die Stones“, zählt Wiedenhöft auf und fügt ein bisschen verschämt hinzu: „Sogar die ,Alten Kameraden’ sind drin.“

Heinrich Zille, der gleich um die Ecke wohnte, trank hier sein Bier und malte dann, 1916, das Bild „Schnapsdestille“. Darauf sieht man traurige, vom Alkohol gezeichnete Gestalten mit blassen Hinterhofgesichtern und schief grinsenden Mündern. War das wirklich in dieser Kneipe? Kein Zweifel. „Sehen Sie, die Wanduhr hängt noch an derselben Stelle“, sagt Holger Wiedenhöft. Das Regal, die Flaschenbatterien, alles da. Nur eine andere Uhr hängt jetzt da. „Aber die alte hab’ ich im Keller“, sagt der Wirt. „Vielleicht hol ich sie mal wieder rauf.“

Die hundert Jahre alte Kasse würde jedem Museum zur Ehre gereichen. „Friedrich Krupp“, sagt Wiedenhöft stolz, „der hat ja nicht nur Waffen gemacht.“ Natürlich wird sie immer noch benutzt. Zwei Bier, ein Korn, das rechnet sie mit links.

Die Theke wurde 1926 eingebaut, erzählt der Wirt. Wirklich, so alt? Das chromblitzende Teil könnte man doch leicht in die 50er-Jahre datieren. „Nein“, sagt Wiedenhöft bestimmt. „Sehen Sie die Beulen an der Seite? Das sind Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Im Übrigen wurde das Haus verschont, anders als das Nachbargebäude, das in Schutt und Asche fiel. In den 50er- Jahren wurde dort ein hässlicher Klotz hochgezogen. In dieser Nachbarschaft – auch gegenüber wurden Kriegslücken architektonisch nicht eben gelungen gefüllt – verströmt das „Hoeck“ schon von außen nostalgischen Charme.

Gründer Wilhelm Hoeck führte seine Kneipe bis 1933. Dann übernahm sein Sohn Horst. Der war 1932 Olympiasieger in Los Angeles geworden, bei den Ruderwettbewerben. Und so wundert es kein bisschen, dass das famose Ruder nun eben schon 74 Jahre an der Wirtshaus-Wand hängt.

„Gepflegte Biere“ mit schöner Blume darauf kann man hier trinken, 0,4 Liter Berliner Kindl für 2,40 Euro. Dazu gibt’s deutsches Essen. Das „Hoeck“ wirbt für sich auch als „bürgerliche Speisegaststätte“. „Unser Blut- und Leberwurst-Gericht ist der Renner“, sagt Wiedenhöft und fügt bescheiden hinzu: „Wir haben da einfach einen ausgezeichneten Lieferanten.“ Eisbein mit Sauerkraut kommt auf den Teller, gern verlangt werden auch Eintöpfe mit ordentlich viel Einlage. Wer hier nicht satt wird, ist selbst schuld. „Für zwischendurch“ stehen die typischen Berliner „Häppchen“ auf der Kreidetafel. Hausgemachte Buletten und Soleier, für 80 Cent das Stück. Nach eigenem Rezept eingelegt, versteht sich.

Ende der 70er-Jahre wurde im „Hoeck“ die Fallada-Geschichte „Ein Mann will nach oben“ verfilmt. Hauptdarsteller Manfred Krug soll hin und weg gewesen sein von dem „irren Laden“.

Entspannt wie die Schauspieler auf den an einer Wand hängenden Schwarzweiß-Fotos sitzen die Gäste auch heute da. Eine bunt gemischte Gesellschaft. Dort hinten, das könnte einer sein, der täglich seine Mollen braucht, vorn nippt ein Rechtsanwalt an seinem Glas, in der Ecke diskutiert eine Arbeiterrunde die Politik der SPD, in der Mitte wird über die richtige Technik beim Nordic Walking philosophiert. Junge Gäste kommen selten. Dabei könnten sie sich hier – das „Hoeck“ geht mit der Zeit – sogar einen Latte Macchiato bestellen.

Über all die Jahrzehnte ist das „Hoeck“ geblieben, was es immer war: eine grundehrliche Kneipe. Touristen sind willkommen. „Wir stehen im Baedeker“, sagt der Wirt. Aber als Touristenattraktion will Wiedenhöft seine Kneipe nun doch nicht vermarkten. Und dafür könnten wir ihn umarmen.

Gaststätte „Wilhelm Hoeck“, Wilmersdorfer Straße 149, 10585 Berlin-Charlottenburg. Telefonnummer: 030 / 341 81 74. Geöffnet: montags bis sonnabends, jeweils von 8 bis 24 Uhr.

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