Zeitung Heute : Knirsch. Knack! Hmmmm.

Wer glaubt, die Adventszeit sei eine Zeit der Stille, sollte einmal besser hinhören – denn der Winter steckt voller zauberhafter Töne und Geräusche

Ist der erste Schnee nicht etwas Wundersames? Er packt die Stadt in eine Watte aus weichen Flocken und mit einem Mal erscheint alles viel friedlicher und leiser. Passend dazu werden in der Adventszeit Lieder gesungen, die vom leisen Rieseln des Schnees erzählen, von stillen Nächten und „himmlischer Ruh’“.

Doch wer einmal genau hinhört, kann feststellen, dass das mit der Stille genau genommen nicht ganz richtig ist. Denn gerade jetzt bekommen wir etwas ganz Besonderes auf die Ohren. Gemeint sind damit nicht die selbst gestrickten Wollmützen von Oma – sondern der weihnachtliche Klangteppich, an dem wir alle zusammen weben.

Das fängt so klein und so leise an, dass es schnell überhört wird: Da ist beispielsweise das Mini- Konzert, das ein sich entzündendes Streichholz gibt – wovon es dieser Tage so viele gibt, den Adventskränzen sei Dank. Die Ouvertüre ist das kurze „Ratsch“ des über die Reibefläche flitzenden, roten Streichholzköpfchens. Es folgt das fröhliche Knistern der auflodernden Flamme, beendet wird das Ganze durch ein finales Pustegeräusch, das keine Zugabe zulässt. Zu den Adventsgeräuschen gehört auch das Rascheln mit Bunt- und Silberpapier, das in mühevoller Kleinarbeit zu Sternen gefaltet wird. Seinen akustischen Höhepunkt findet das Geraschel bei der Bescherung unter dem Weihnachtsbaum. Dabei gilt: Je ungeduldiger der Beschenkte, desto lauter sein Geraschel – und damit auch sein Beitrag zur weihnachtlichen Klangwelt.

Vorher jedoch ist vor allem in den Küchen viel zu hören: Zuerst werden Backbücher gewälzt und Seiten geräuschvoll umgeblättert, kurz darauf jaulen die Mixer auf, bis schließlich beim Ausrollen des Plätzchenteiges – der nie so will, wie er soll – das Ächzen der verzweifelten Hobby-Bäcker erschallt. Viel schöner ist da das Getuschel und Geflüster, das erklingt, wenn man sich bei einem gemütlichen Tee mit Freunden verrät, was man für seine Lieben für Geschenke-Ideen hat.

Wer sich, dick eingepackt, zu einem Winterspaziergang entschließt, erlebt draußen eine Fortsetzung des weihnachtlichen Klang-Erlebnisses. Da ist (hoffentlich!) das Knirschen von Schnee unter Winterstiefeln zu hören und vielleicht dann und wann auch der ebenso dumpfe wie befriedigende Aufprall, der nur dann erklingt, wenn ein perfekt geformter Schneeball auf einen Rücken trifft. Nicht weniger herrlich sind zugegebenermaßen die Töne, die jemand von sich gibt, dem gerade eine Hand voll Schnee in den Kragen gestopft wurde. Süßer die Stimmen nie klingen!

Die schönsten aller Weihnachtsklänge aber gehen nicht nur in die Ohren, sondern auch durch den Magen: Da werden Walnüsse und Haselnüsse gekaut (Knack!), da wird an zu hart gebackenen aber trotzdem wie immer köstlich geratenen Zimtsternen genagt (Knirsch!), da wird einem Schokoweihnachtsmann der Kopf abgebissen (Plopp!) - und vor allem wird zufrieden geseufzt, wenn eine heiße Tasse Glühwein über die Theke eines Weihnachtsmarktstands gereicht wird (Hmm!).

Überhaupt klingt so ein Weihnachtsmarkt ganz besonders fein und interessant – da können all die anderen Märkte, die das Jahr über verteilt irgendwo stattfinden, bei aller Liebe schlicht und einfach nicht mithalten. Dabei geht es nicht nur um die musikalischen Darbietungen der vielen verschiedenen Chöre dieser Stadt, sondern auch um Geräusche, die einfach so passieren: Etwa, wenn man in kalte Hände haucht, sie aneinander reibt, seiner Familie im allgemeinen Getümmel ein „Hier bin ich“ zuruft oder mit dem Portemonnaie klimpert, weil man bei dem Duft von frischen Lebkuchen einfach nicht widerstehen kann. Dazwischen ist immer wieder das rhythmische Schrabben der Kelle des Maronenverkäufers zu hören; er ist so etwas wie der verkannte Percussionist aller Weihnachtsmärkte. Unterbrochen wird dieser besondere Soundtrack nur, wenn alle plötzlich einen Moment innehalten, weil der Weihnachtsmann seinen Auftritt hat, begleitet durch das Gebimmel von Glocken und seinem tiefen „Ho! Ho!“. So ruft kein zweiter.

Aber singen, das können wir alle! Und merkwürdigerweise tun das in der Weihnachtszeit auch diejenigen, die sich sonst erfolgreich um jedes „Happy Birthday“ drücken. Sobald der Hit „Last Christmas“ der Band Wham! zum ersten Mal im Radio gespielt wird, gilt die Mitsing-Saison offiziell als eingeläutet. Nur die vielen Musikschüler, denen wie jedes Jahr ein Adventskonzert bevorsteht, haben schon Wochen – wenn nicht Monate – vorher mit dem Üben der Weihnachtsklassiker begonnen und dabei nicht selten die Nerven ihre Familienmitglieder dadurch strapaziert, dass sie sich an immer der gleichen Stelle im Stück verspielt haben. Aber das gehört dazu.

Genauso wie das Singen, bei dem es schließlich auch nicht darauf ankommt, ob die Töne getroffen werden. Ob nun das hierzulande beliebteste Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ oder doch lieber „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ oder „Ihr Kinderlein kommet“: Wenigstens die Refrains kennen alle. Denn wenn dafür nicht bereits in früher Kindheit Oma und Opa oder eine eifrige Grundschullehrerin gesorgt haben, so hat die allgegenwärtige Beschallung in Kaufhäusern es mittlerweile nachgeholt. Es gibt also keine Ausrede.

Aber wer braucht die schon.

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