Zeitung Heute : Knochen suchen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Kürzlich sprang ein Playmobil-Männchen, bekleidet nur mit einer gelben Taucherbrille, ins Meer. Geführt von der starken Hand meines ältesten Sohnes, warf es sich furchtlos in die Brandung und tauchte bis zum Meeresgrund. Als es wieder hochkam, jammerte es: „Oh, ich bin ein Waisenkind! Meine Eltern sind ertrunken!“

„Das ist ja fürchterlich“, sagte sein Playmobil-Kompagnon, der trocken neben mir am Ufer saß. „Du Ärmster!“ Doch das Taucherbrillen-Männchen hatte Wichtigeres im Sinn als Trauern. „Ich muss ihre Knochen finden!“, sprach es und hüpfte eilig wieder ins Meer. „Die will ich im Museum ausstellen!“

Was lehrt uns die Geschichte? Dass bereits Vierjährige ein historisches Bewusstsein haben, denn sie ahnen, welchen Wert die Gebeine ihrer Eltern haben werden, wenn man sie ein paar Millionen Jahre liegen lässt, so wie die Dinosaurier. Und: Schon Vierjährige profitieren von einem Museumsbesuch. Unseren ersten gemeinsamen Dinosaurier haben Timmy und ich kürzlich fern der Heimat gesehen: ein Tyrannosaurus Rex, den das Schicksal ins Oxforder Naturkundemuseum verschlagen hatte. Bei seinem Anblick wurde mir schlagartig klar, wie wenig ich von diesen Geschöpfen weiß – überhaupt von Flora und Fauna, von Paläontologie, Prähistorie, Archäologie, Astronomie, aber auch, mir wurde ganz schwindlig, von Chemie, Physik, Mathematik und überhaupt den meisten Dingen dieser Welt. Zwar haben mich viele Jahrzehnte Erfahrung gelehrt, dass man auch mit rudimentären Dino- Kenntnissen und den drei Grundrechenarten – oder waren es fünf? – durchs Leben kommt. Aber dürfen wir uns damit zufrieden geben?

Zum Glück bietet sich mir jetzt, da mein Ältester ins Vorschulalter kommt, eine neue Chance. Die Museen und Sachbücher, für die er sich zu interessieren beginnt, sind genau auf meinem Niveau. So schön bunt! So klar und anschaulich! Aufs Wesentliche beschränkt! Kürzlich etwa habe ich im Junior Museum des Ethnologischen Museums Dahlem, an einem überfüllten eintrittfreien Sonntag, viel über die Wüste, die Tuareg und die Aborigines gelernt, denn dort kann man in Zelte klettern, Emu-Eier anfassen und sich einen Turban umwickeln. Als Nächstes will Timmy mich ins Planetarium mitnehmen, damit ich lerne, wer hier um was kreist.

Unser ganz Kleiner hat dafür keine Zeit, denn er ist bei uns als schwarz arbeitende Putzfrau tätig. Tagein, tagaus wischt und fegt er die Wohnung und unterscheidet sich von einer echten Putzfrau nur dadurch, dass er beim Arbeiten in einem fort „Hallo!“ ruft und seinen Arbeitgebern zuwinkt. Aber auch er wird zu meiner Allgemeinbildung beitragen. Ich habe nämlich vor, das Grundschulpensum mehrmals zu durchlaufen – ab jetzt mit Timmy, später mit Putzmännchen, dann mit jedem Enkel und Urenkel. Wenn ich sterbe, werde ich allwissend sein, und meine Nachkommen können mein Gehirn im Museum ausstellen.

Junior-Museum, Arnimallee 23, Di-Fr 13-18 Uhr, Sa,So 11-18 Uhr. Letzter eintrittfreier Sonntag: 7. März. Ab April zahlen Menschen bis 16 Jahre keinen Eintritt mehr in den Staatlichen Museum, Erwachsene kommen jeden Donnerstag in den vier Stunden vor Schließung kostenlos herein.

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