Zeitung Heute : Knochenarbeit in Afrika

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Von Bas Kast

Dies ist die Geschichte von Tim und Frieda. Der Anfang von Tims Geschichte lässt sich leicht datieren: Sie beginnt 1964, als der Junge zehn ist, in Kalifornien, auf dem Weg zum Baseballstadion. Tim und seine Eltern gehen zu einem Vortrag des weltberühmten Anthropologen Louis Leakey, der im Stadion über die Suche nach dem Urmenschen sprechen wird.

Eigentlich war es Leakeys Ehefrau Mary, die etwas entdeckt hatte, das unser Selbstverständnis revolutionieren sollte. 1959 stieß sie in der ostafrikanischen Olduvai-Schlucht auf einen Schädel des „Nussknackermenschen“, einen frühen Urmenschen. Der Fund ließ nur einen Schluss zu: Die Wiege der Menschheit war nicht, wie man damals noch inständig gehofft hatte, Europa, sondern Afrika!

Leakeys Vortrag bleibt für den kleinen Tim nicht ohne Folgen: 30 Jahre später ist er, Timothy G. Bromage, inzwischen Professor für Anthropologie in New York, selbst auf den Spuren unserer Vorfahren. In Afrika. Mit Frieda. Frieda? Das ist Friedemann Schrenk – der wohl berühmteste deutsche Anthropologe, Professor für Paläobiologie an der Universität Frankfurt. Sein Büro in Frankfurt steht allerdings die meiste Zeit leer: Schrenk ist einer, der schon immer das Hier und Jetzt verlassen wollte.

Am Strand von Nizza

Noch als Studenten begegnen sich Frieda und Tim in Südafrika, wo sie den Vormenschen zum ersten Mal auf den Fersen sind. Dann verlieren sie sich aus den Augen, um sich am Strand von Nizza zufällig wieder zu treffen. Und dort schmieden sie einen Plan: Sie wollen eine entscheidende Lücke der Anthropologie schließen. Bis dahin hatte man zwar einerseits Spuren des Urmenschen in Ostafrika entdeckt – wie einst die Leakeys und Donald Johanson mit seinem berühmten Skelett „Lucy“. Andererseits gab es Spuren des Vormenschen in Südafrika. Aber in dem Korridor zwischen Ost- und Südafrika: nichts dergleichen, ein weißer Fleck der Anthropologie von 3000 Kilometer Länge. Diese Lücke wollten Tim und Frieda mit ihrem „Hominid Corridor Research Project“ schließen.

Um es vorwegzunehmen: Es ist ihnen gelungen. Nach Jahre langer Knochenarbeit haben die beiden mitten im weißen Fleck den Unterkiefer eines Hominiden (Menschenartigen) gefunden. In ihrem Buch „Adams Eltern“ fassen sie nun ihr Abenteuer zusammen (Verlag C. H. Beck 2002, 256 Seiten, 19,90 Euro). Es ist ein schöner Bericht geworden, witzig, spannend, subjektiv. Beim Lesen des Buches hat man – nicht zuletzt der vielen Bilder wegen – das Gefühl, man würde einen gemütlichen Dia-Abend erleben. „Adams Eltern“ ist ein lebhaft geschriebenes Buch über die Arbeit vor Ort, das tägliche Durcheinander in Afrika, die Menschen in Malawi, die Liebe zu diesem Land zwischen Tansania und Mosambik, wo die beiden Forscher eine neue Heimat und den Kiefer des Vormenschen gefunden haben.

„Lasst uns jetzt den Hominiden suchen“

Am 29. Juli 1991 ist es so weit. Seit Stunden hat das Team in der sengenden Sonne gesucht. „Auch mein Enthusiasmus verließ mich, allerdings erst nach dem sechsten Antilopenzahn“, schreibt Tim Bromage. Da die Stimmung allmählich den Bach runter geht, versucht Tim sein Team mit einem Scherz aufzumuntern: „Okay, Jungs“, sagt er, „wir haben jetzt genug Antilopen gefunden, lasst uns jetzt den Hominiden suchen.“ Und weiter: „Ich wusste, dass das Team diese Bemerkung als nette Aufmunterung verstand, doch ich glaubte daran und sollte schon zwei Minuten später recht behalten: Genau in der Minute, in der ich zu unserem Team sprach, senkte Tyson Mskika seinen Kopf und schaute auf den Boden vor seinen Füßen.“ Und da liegt das Unglaubliche: der Unterkiefer eines Vormenschen. „Mir kommen diese Sekunden heute noch wie Stunden vor“, schreibt Tim. „Ich sehe das fragende Gesicht Tysons vor mir und sehe mich, wie ich diesen Gegenstand andächtig in der Hand halte. Ich hörte mich sagen: ,Das ist ein Hominide.’“ Noch am gleichen Abend veranstalten die Einheimischen ein rauschhaftes Fest, mit Tanz, Trommeln und Gesang wird der Fund gefeiert, eine Fossilparty, an der sich das ganze Dorf beteiligt – bis zum Umfallen.

Und was an diesem Abend noch keiner ahnt: Die nächste Fossilparty sollte folgen, denn fünf Jahre später findet das Team ein zweites Hominidenfragment – diesmal keinen Unter-, sondern den Teil eines Oberkiefers. Damit hatten sich Tim und Frieda endgültig und wortwörtlich zum Weltruhm durchgebissen.

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