Zeitung Heute : Knolle der Versuchung

REIMZEIT Martina Brandl erforscht die Provinz in „Jedes zehnte Getränk gratis – Ein Selbstversuch“.

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Gemüse hat nach uraltem Volksglauben selbst in der Schlichtheit doch immer etwas Positives. Wenn ich Frau Jasmin zitieren darf: Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln. Auch erntet man nicht die Knollen des Hasses, sondern die Früchte des Zorns. Bitte, ich will hier niemandem eine böse Absicht unterstellen. Obst ist nicht gerecht oder ungerecht. Es ist einfach da. Wie Krebs. Der Baum der Versuchung kann nichts für den sündigen Apfel, der an ihm hängt. Er macht sich beziehungsweise ihn gewissermaßen zum Obst. Faules Obst. Aus der Saat des Bösen. Oder fragen wir doch einmal so herum: Hätte Eva auch von einer Kartoffel verführt werden können? Man stelle sich vor, Gott hätte versucht, mit einem Erdapfel bei Eva zu landen:

(Paradies, außen, Tag)

SCHLANGE: Sieh mal, was ich hier Feines für dich habe!

EVA: Was denn?

SCHLANGE: Es ist dort, unter der Erde!

EVA: Ich seh gar nix.

SCHLANGE: Das kannst du auch nicht. Es steckt im Boden. (zu sich selbst) Mein Gott, ist die Alte begriffsstutzig… Vielleicht sollte ich Adam lieber mit einem Schaf verkuppeln.

(Eva geht auf alle viere und schnuppert ein bisschen an der Erde.)

SCHLANGE (legt ihren langen Körper in die Form einer Schaufel und nölt): Du musst graben, Schätzchen, graben!

EVA (buddelt die Kartoffel aus und ist herb enttäuscht): Wat soll ick’n damit?

SCHLANGE: Oh, das ist ein Erdapfel, meine Liebe (kleine Fanfare auf der Tröte), damit kann man eine Menge machen: Pommes, Chips, Kartoffelsalat, Puffer, Püree, Schnaps… Das musst du unbedingt Adam zeigen!

EVA: So wie ich jetzt ausseh’, muss ich erst mal duschen. (Wischt sich angewidert die Hände am Nacktkostüm ab und geht.)

SCHLANGE (ruft ihr hinterher): Warte! He! Das ist reinstes Ackergold! Eines der vielfältigsten Lebensmittel überhaupt!

(Eva dreht sich nicht mal mehr um.)

SCHLANGE (kickt mit dem Schwanzende die Knolle weg und mault): Nächstes Mal nehm’ ich was Farbiges.

Wühlmäuse, 14.4., 20 Uhr

Eigentlich gehört Martina Brandl total nach Berlin – und zwar zu den Pionieren der hiesigen Chansonszene, die in den 90er Jahren mit Experimenten zwischen Tradition, Comedy und Pop das Genre neu belebten. Doch 2007 zog sie sich zurück in ihre schwäbische Heimat – ein „Feldversuch“, den sie in mehrfacher Hinsicht kreativ zu nutzen wusste. Beispielsweise als Thema für das Kabarettprogramm „Jedes zehnte Getränk gratis“: Nach zwanzigjähriger Abwesenheit vom Ländle ereilt selbst die Eingeborene ein Kulturschock. Kehrwoche, Krämermarkt, Kinderfasching und „Landgasthäuser mit merkwürdigen Sonderangeboten“ – siehe Programmtitel – liefern erstklassiges Material für lustige Szenen, Monologe und Lieder. Und wenn die vielfach begabte Humoristin in diesem heiteren „StadLandSuff“-Spiel das Lied von der heißen Kartoffel anstimmt, kann man das als Hinweis auf ihren dritten Roman verstehen. Auch „Schwarze Orangen“ (Scherz Verlag) ist ein literarischer Gruß aus der Provinz, einer, der sich mit den vegetarischen Aspekten des Landlebens befasst. Die leicht- füßige Textjonglage amüsiert mit dreisten Brüchen, etwa wenn sich die Autorin als Ich-Figur zwischen die Protagonisten drängelt. Und einmal nutzt sie die Gelegenheit, eine kleine Theaterszene einzubauen. eNTe

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