Koalition : Wie wählt man taktisch klug?

Das Fünfparteiensystem macht den Ausgang der Bundestagswahl am Sonntag schwer kalkulierbar – gerade auch für Wähler, die eine bestimmte Koalition anstreben. Welche Taktik ist erfolgversprechend?

Robert Birnbaum Hans Monath

Die Parteien mögen ihn im Grunde nicht, die Demoskopen hassen ihn für seine Unberechenbarkeit, und trotzdem wird er immer häufiger – der taktische, der Wechselwähler. Vorbei die Zeiten, in denen große Teile der Wählerschaft ihr Kreuz da machten, wo es schon Vater und Großvater gemacht hatten. Selbst mancher Stammwähler überlegt heute zweimal, wie er am besten das Regierungsbündnis fördert, das er sich als Ergebnis wünscht. Die Zahl der taktischen Wähler steigt, sagen die Demoskopen: Viel mehr Bürger als noch vor vier Jahren überlegen, Erst- und Zweitstimme zu splitten, also nicht nur eine Partei anzukreuzen.

Taktisches Wählen ist indes nicht einfach; man hat sich da schnell mal selber ausmanövriert. Es wird umso schwieriger, je mehr Parteien in den Bundestag einziehen und je weiter jede dieser Parteien sich für Koalitionen öffnet. Im theoretischen Extremfall – jeder kann mit jedem – wird taktisches Wählen unberechenbar und damit sinnlos.

Aber so wenig die Parteien den taktischen Wähler mögen, schon weil er keinen Mitgliedsbeitrag zahlt, so sehr sind sie doch hinter seiner Stimme her. Die kriegen sie nur, wenn der Wechselwähler halbwegs sicher sein kann, dass sein Kreuz nicht am Ende der aus seiner Sicht falschen Koalition nützt. Deshalb haben die Parteien ihre Koalitionsmöglichkeiten künstlich beschnitten. Die Ausschließeritis, seit dem hessischen Ypsilanti-Debakel eigentlich als Todsünde gebrandmarkt, ist schwer in Mode. Die FDP schließt die Ampel mit SPD und Grünen aus, die Grünen Jamaika mit FDP und Union, die SPD den Bund mit der Linken.

Für den Wähler hat das zur Folge, dass die Lage übersichtlich geworden ist – jedenfalls dann, wenn er all den feierlichen Absagen glaubt. Die Ampel fällt aus, nach Jamaika führt kein Weg, eine Mehrheit für Rot-Grün ist praktisch ausgeschlossen, eine für Schwarz-Grün erscheint derzeit eher unwahrscheinlich. Nach heutigem Stand stehen damit am nächsten Sonntag nur zwei realistische Regierungsalternativen zur Wahl. Die eine wird von den beteiligten Parteien gewünscht und befürwortet: Ein schwarz- gelbes Bündnis mit Angela Merkel als Kanzlerin und Guido Westerwelle als Vize. Die zweite erklären alle Beteiligten für unerwünscht. Aber dass die große Koalition in die Neuauflage geht, schließen CDU, CSU und SPD nicht aus.

Dem taktischen Wähler bleibt da nicht viel zu tun. Wenn er Angela plus Guido will, muss er einen von beiden wählen. Wenn nicht, kann er wählen, was ihm sonst am besten passt. Allerdings gibt es noch eine zweite Möglichkeit, die Mehrheiten zu beeinflussen. Das ist das sogenannte Stimmensplitting, von dem laut Infratest-dimap-Chef Richard Hilmer ein Gutteil der Wähler Gebrauch machen will. Wer die Zweitstimme seiner Lieblingspartei gibt, die Erststimme aber dem Wahlkreiskandidaten einer anderen Partei, kann dessen Partei womöglich ein Überhangmandat verschaffen.

Ob das funktioniert – in der Regel nur für jeweils große Parteien wie CDU, CSU und SPD –, hängt von den Stärkeverhältnissen im jeweiligen Wahlkreis ab. Der Freund der Linkspartei hat mangels koalitionswilliger Partner wenig Anreiz zum Splitten – es sei denn, er wollte durch eine Erststimme für den SPD-Bewerber ein Überhangmandat für Schwarz-Gelb verhindern. Auch erklärte Unions- oder SPD-Wähler kommen nur in Ausnahmefällen ins Grübeln, etwa wenn wie in Kreuzberg-Friedrichshain mit Hans-Christian Ströbele ein Grüner Favorit für ein Direktmandat ist und sie den Mann womöglich mögen.

Für die Sympathisanten der Liberalen und der Grünen könnte sich das Aufteilen von Erst- und Zweitstimme hingegen lohnen. Der Hebel ist in diesem Wahljahr wichtiger als in anderen: Die Union kann aufgrund der letzten Umfragezahlen deutlich mehr Überhangmandate erwarten als die SPD. Kommt es so, könnten Union und FDP im Bundestag eine Mehrheit der Abgeordneten stellen, selbst wenn sie als Parteien zusammen sehr deutlich unter 50 Prozent blieben.

Die Parteispitzen versuchen ihre Wähler denn auch schon zur Stimmen-Schizophrenie zu bewegen. Beim FDP-Parteitag am Sonntag ließ die Regie auf der Bühne Schilder mit der Aufschrift „Zweitstimme FDP“ hochhalten. Auch Grünen- Spitzenkandidatin Renate Künast wirbt ausdrücklich um Zweitstimmen. Auf lokaler Ebene gibt es sogar konkrete Splitting-Empfehlungen: In nordrhein-westfälischen Großstädten fordern Grünen- Kandidaten die eigenen Wähler auf, mit der Erststimme für Sozialdemokraten zu stimmen – um Schwarz-Gelb im Bund zu verhindern.

Doch auch dem taktischsten der Taktik-Wähler bleibt am Ende die Erkenntnis: Er gibt am Sonntag seine Stimme ab – was die Parteien hinterher damit anfangen, liegt nicht in seiner Hand.

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