Zeitung Heute : Köln

Die letzten Tage vor der Wahl:

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auf Deutschlandtour Heute:

München gilt als Schickihauptstadt, Frankfurt als Bankenhauptstadt und Köln als die schwule Hauptstadt Deutschlands. In KölnSülz kandidiert Volker Beck, quasi der grüne Schwulenbeauftragte, gegen Lale Akgün, die offizielle Islambeauftragte der SPD. Es ist die Gegend mit dem höchsten Durchschnittseinkommen von Köln. Die Grünen liegen bei 20 Prozent. In Internet stand: heute Abend Kneipenbummel mit Volker Beck durch Sülz, 21Uhr, Treffpunkt Sülzgürtel 47. Es hieß, man soll sich bei Björn Troll anmelden. Ich rief den ganzen Tag bei Björn Troll an, aber niemand ging ans Telefon.

Abends fuhr ich zum Sülzgürtel. Der Sülzgürtel ist nachts eine verdammt düstere Gegend. Man denkt, die Sülzer erzielen ihr hohes Durchschnittseinkommen mit Drogen- und Mädchenhandel. Ich stand da und wartete. Niemand kam.

Da fiel mir ein, dass ich bei der letzten Bundestagswahl eine Reportage über die Direktkandidaten in Berlin-Charlottenburg schreiben musste und zu einem Infostand mit der grünen Kandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig gegangen bin, aber sie kam nicht, und das schrieb ich dann. Zwei Tage später aber kam ein Brief von Franziska Eichstädt-Bohlig, in dem sinngemäß stand, dass sie halt einen anderen Termin gehabt hätte und dass ich ein Spießer sei. Es war voll das Déjà-vu-Erlebnis, am Sülzgürtel. Und dann fiel mir ein, dass in meinem ganzen Reporterleben noch nie ein Grüner zu einer Verabredung pünktlich aufgelaufen ist, und dass ich, wenn ich das schreibe, auf billige Weise Antigrünenklischees bediene, aber ich kann doch auch nichts dafür und mag die Grünen eigentlich ganz gern.

Am nächsten Tag sollte auf dem Rudolfplatz um genau fünf vor zwölf, das ist ein Symbol, diese Uhrzeit, eine Aktion stattfinden. Um fünf vor zwölf wollten die Grünen Plakate hochrecken, auf denen sie vor den Folgen der schwarzen Republik warnen. Am Infostand warteten ein paar Leute, einer trug ein Namensschild mit der Aufschrift „Björn Troll“. Ich fragte: „Hey, was war denn gestern mit der Kneipentour?“ Er: „Nö, die ist heute.“ Ich zeigte ihm den grünen Terminkalender. Er: „Komisch. Na, dann ist das wohl falsch angegeben.“ – „Und das Telefon?“ – „Is’ tot, ich weiß. Echt ein Problem, dieses Telefon.“ Inzwischen war es fünf vor zwölf. Ein paar weitere Grüne waren gekommen. Sie fingen sofort an zu streiten, darüber, wo sie sich aufstellen. Einer schrie: „Der Infostand ist wichtiger!“ Ein anderer: „Nee, da hinten am Turm.“

Mir fiel der Zickzackkurs der rot-grünen Regierung ein, außerdem dachte ich wieder, das ist voll klischeemäßig. Als sich die Grünen hinten am Turm aufstellten, um symbolhaft vor der schwarzen Republik zu warnen, war es schon fünf Minuten nach zwölf, das Symbol drückte also etwas völlig anderes aus. Nun kam Björn Troll zu mir und fragte, ob ich das offizielle Foto von der Aktion machen könne, für den Wahlkampf im Internet, sie hatten nämlich vergessen, den Fotografen zu bestellen. Ich dachte: „Diese journalistische Methode heißt teilnehmende Beobachtung, viele Reporter tun es“ und machte das Foto. Ich bin jetzt offizieller Mitarbeiter der Grünen-Kampagne. Dann dachte ich, dass es in Köln längere Zeit eine schwarz-grüne Koalition gegeben hat. Diese Art der Grünen muss die CDUler an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Was immer man von der CDU halten mag, wenn sie „fünf vor zwölf“ sagen, dann meinen sie nicht „fünf nach zwölf“.

Am Ende habe ich noch mit Björn Troll geplaudert, der ein netter Typ ist. Er sagte: „Wir stehen für urbanen Flair und Spaß am Leben.“ Dann kam ein Typ vom Infostand hergerannt, wo gerade etwas fürchterlich schief ging, und Troll musste schnell weg. Ich aber muss zur Loreley.

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