Zeitung Heute : Kölner Möbelmesse: Eistüte mit Dreheffekt

Rolf Brockschmidt

Der Sessel irritiert. Der Sessel fasziniert. Wie ihn besitzen, sprich, was hat sich der Designer dabei gedacht? Der Name des Modells lässt vieles vermuten: "Chaos". Der Sessel ist breiter als tief und senkrecht asymmetrisch leicht geknickt. Das heißt, zwei Personen können ganz nah beieinander sitzen oder einer Person bieten sich, je nach dem auf welchem Teil sie sitzt, neue Perspektiven. Star-Designer Konstantin Grcic hat dieses ungewöhnliche Möbel für ClassiCon entworfen, wobei er den Übergang von der Rückenlehne zur Sitzfläche noch einmal durch eine leichte Schräge überbrückt. "Sitzen wir denn überhaupt noch so, wie es die meisten Möbel vorschreiben?", fragte sich Grcic, als er sein erstes Polstermöbel entwarf. Der Sessel ist zudem leicht nach hinten geneigt, ruht auf einem Stahlbügel, so dass er beim Sitzen dezent schwingt. Entstanden ist ein schnelles Möbel, auf dem man Sitzhaltungen durchzappt, mal so, mal so, die kurze Rast für den rastlosen Zeitgenossen.

Ein schneller Sessel für viele Gelegenheiten ist "Outdoor", den die bretonischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec für ligne roset entworfen haben. Mit 78 Zentimeter Breite ist er recht komfortabel, was man von einem Klappsessel auf Anhieb nicht erwarten würde. Zwei Schalen aus Polystyrolfolien ergeben ein niedriges Sitzmöbel mit einer Sitzhöhe von 33 Zentimetern. Mit Hilfe eines Klemmsystems bleiben die Schalen bei zusammengeklapptem Zustand geschlossen. Das Gestell ist matt verchromt und am Fuß mit schwarzem PVC ummantelt. Ein praktisches Möbel, das bestehende Sitzgruppen originell erweitert oder auf Balkon und Terrasse vorübergehend eingesetzt werden kann. Allerdings vom Preis her kein herkömmliches Klappmöbel, sondern ein Qualitätsprodukt.

Dünne Schale, dünnes Polster, ungewöhnliche Form, das sind die Kennzeichen von S 555 P, einem sehr reduzierten, ähnlich fragilen Sessel, den Markus Jehs und Jürgen Laub für Thonet entworfen haben. Der Sessel wurde in einem Stück aus einer breiten Formholzplatte gebogen, eine Technik, für die Thonet berühmt ist. Den besonderen Kick erhält dieser Sessel durch die beiden seitlichen Höcker. Wie beim guten alten Sofakissen haben sie im Falz zwischen Rückenlehne und Sitzfläche die Platte nach innen gebogen, so dass ein seitlicher Halt für den Sitzenden entsteht, der dem Sessel auf seinem fragilen Drahtgestell seine hohe Stabilität verleiht. Vom Grundsatz her eine Form, die an die sechziger und siebziger Jahre erinnert, durch die seitlichen Höcker und den trendigen grauen Wollstoff aber durchaus ein Möbel unserer Zeit.

Sessel in Eistütenform hat es in den sechsziger und siebziger Jahren gegeben, Gerard van den Berg greift wie viele Designer diese organischen, runden Formen wieder auf und interpretiert sie neu. Eine schlanke hohe Lehne gibt dem Sessel "Nikita" ein ganz anderes Aussehen, wenngleich die tiefe runde Sitzmulde an das jetzt vergangene Jahrhundert erinnert. Die Lehne fordert einen unwillkürlich zum Test heraus. Dreht er sich oder dreht er sich nicht? Er dreht sich im Falle von "Nikita2", es gibt ihn aber auch als festen Sessel, wenngleich das seiner Form wiederspricht. Die drehbare Version mag das nervösere Möbel sein, es ist aber das flexiblere, das, wie man in Köln auf der Möbelmesse bei "Label" hören konnte, wohl auch seinem Schöpfer besser gefällt.

Wie man mit Retro dennoch zeitgemäß sein kann, demonstriert Ron Arad eindrucksvoll mit seinem Sessel Victoria & Albert, der eigentlich als Ergänzung zu dem voluminösen Sofa Victoria & Albert gedacht ist. Wie schon bei seinem outdoor-Stuhl für Vitra hat Arad wieder eine Endlosschlaufe als Sitzmöbel verwandelt, diesmal in der gepolsterten Version. Und natürlich darf bei der Schlaufe mit ihren dynamischen Rundungen das Loch nicht fehlen. Beim Sofa, das auf den ersten Blick entfernt einer Recamière mit hohen und niedrigen Lehnen gleicht, kommt die Schlaufenform besser zur Geltung, allerdings hat der kleine Cocktailsessel mit seiner Mischung aus Retro und Avantgarde Charakter.

Alle vier Neuheiten von der Kölner Möbelmesse zeigen, das das Thema Sitzen noch längst nicht ausgesessen ist.

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