Zeitung Heute : König Földerich der Viertel vor Sechste

Ouvertüre im Klassenzimmer: UdK-Studierende musizieren mit Berliner Schulklassen – und treten mit ihnen auf.

Beate Scheder

Unwillig fläzt sich Abdullah auf seinem Thron. Als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen, winkt er die Wachen ab. Dann stützt er seinen Kopf auf den Ellenbogen und blickt unzufrieden um sich. „Mir ist langweilig!“, brüllt er.

Doch langweilig ist hier eigentlich keinem. Und Abdullah erst recht nicht. Denn der Fünftklässler ist gerade gar nicht er selbst, sondern spielt – mit Pappkrone und Plüschumhang – König Földerich Cicero, den Viertel vor Sechsten. Es ist die Hauptrolle im Stück „Der Fluch des Königs Cicero“, das die Klasse 5c der Christoph-Földerich-Grundschule aus Spandau bei „crescendo“, den Musikfestwochen der UdK Berlin, aufführt.

Entstanden ist das Stück in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikpädagogik, im Projekt Elementares Musiktheater unter der Leitung von Joël Betton und Enno Granas. Die Klasse und die beiden UdK-Professoren sind ein eingespieltes Team, denn schon im vergangenen Jahr brachten sie ein Stück auf die Bühne. „Der Stier Ferdinand“ galt sogleich als Musterbeispiel für neue Wege in der Lehrerausbildung und für die Zusammenarbeit von Schulen und Universitäten.

Denn das Projekt lohnt sich für alle Beteiligten: Für die angehenden Musikpädagogen ist es eine gute Möglichkeit, sich in der Schulpraxis auszuprobieren. Und den Kindern macht das Singen, Spielen und Improvisieren großen Spaß. Noch dazu wirkt sich musikalische Förderung im Kindesalter positiv auf kognitive Fähigkeiten aus. Und das Musizieren unterstützt den Zusammenhalt der Klasse.

An der Christoph-Földerich-Grundschule wird Musik groß geschrieben. Ab der ersten Klasse bietet die Schule eine Musikbetonung an, zu der unter anderem kostenloser Instrumental- und Ensembleunterricht gehören. Für Joël Betton spielt dies für das Projekt jedoch keine große Rolle. Musikalische Begabung und Vorbildung sind schön, aber keine Voraussetzung. „In diesem Alter lieben es alle Kinder zu spielen und zu improvisieren“, erklärt der UdK-Professor, der erst kürzlich für seine Verdienste um die musizierende Jugend Berlins vom Landesmusikrat mit der Ehrennadel in Silber ausgezeichnet wurde.

Auch wenn es im Stück größere und kleinere Rollen gibt, sind doch alle Kinder für das Gelingen wichtig. Dies ist pädagogisch durchdacht: Es gibt keinen Auf- und Abgang, alle Schüler sitzen die ganze Zeit im Halbkreis auf der Bühne. Jedes Kind hat ein Instrument und eine Rolle. So trägt jeder Verantwortung und alle bleiben konzentriert.

Die Lieder wurden von den Studenten komponiert. Bevor es in die Klasse ging, gab es nur eine grobe Idee des Stücks. Im gemeinsamen Spiel zeigte sich dann, welche Teile noch einer Überarbeitung bedurften. Auch das war hauptsächlich die Aufgabe der Studierenden. Betton und Granas hielten sich zurück, da die Studierenden so viel Unterrichtspraxis wie möglich sammeln sollten. In den anschließenden Reflektionen mit den Studierenden konnte Enno Granas so manchen Tipp aus seiner langjährigen Grundschullehrerzeit weitergeben.

Jeden Freitag in den ersten beiden Stunden stand in der 5c „König Cicero“ auf dem Stundenplan. Bei der ersten Kostümprobe ging es noch recht chaotisch zu. Einige Kinder verpassten ihren Einsatz und die drei Hofmusikerinnen lasen ihren Text nur holprig vom Blatt ab. „Das ist der Moment, in dem man als Lehrer cool bleiben muss“, sagte Betton lachend. Auch das ist etwas, was die angehenden Pädagogen beim Elementaren Musiktheater lernen.

„Der Fluch des Königs Cicero" ist nicht das einzige Projekt der UdK Berlin, das Studierende und Schüler zusammen bringt. Noch experimenteller geht es bei Querklang zu. Hier lernen die Klassen, sich dem Hören und ihrem Begriff von Musik ganz neu anzunähern. Bei dem Projekt, das seit 2004 im Rahmen der Berliner MaerzMusik besteht, musizieren Schüler zusammen mit Komponisten und Studenten der UdK Berlin. Ein absolutes Novum, denn Neue Musik muss man in den Lehrplänen sonst mit einer Lupe suchen. In den Klassen entstehen Kompositionen, die von der frischen und unverblümten Herangehensweise der Schüler an Klänge leben. Hier wird mit Begeisterung auf Plastikmülleimer getrommelt, mit Zeitungspapier geraschelt und in Schläuche geblasen.

Besonders das Werk der Fichtelgebirge-Grundschule in Kreuzberg kam bei MaerzMusik 2009 gut an. So gut, dass die Schüler damit zum diesjährigen Sommerfest der Berliner Festspiele eingeladen wurden. Und auch so gut, dass im Juni der Projektfonds Kulturelle Bildung in Berlin beschloss, „Querklang“ im Jahr 2010 weiterhin zu fördern. So werden also auch im nächsten Jahr wieder vier Teams aus UdK-Studenten, Musiklehrern und Komponisten Berliner Schüler anleiten, eine eigene zeitgenössische Komposition zu entwickeln.

Ob Querklang oder Elementares Musiktheater: Bei der Zusammenarbeit der UdK Berlin mit Schulen geht es nicht darum, die Profi-Musiker und Komponisten von morgen zu fördern - dies tut die UdK Berlin mit dem Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach oder ihrem Julius-Stern-Institut, die hochbegabten Jugendlichen eine Art Vor-Ausbildung bieten, an anderer Stelle.

Projekten wie Querklang oder Elementares Musiktheater gemein ist vielmehr der Wunsch, Kinder und Jugendliche neugierig auf Musik zu machen, ihnen den Spaß zu vermitteln, den es machen kann, selber ein Instrument zu spielen, in einer Gruppe etwas zu erarbeiten, auf der Bühne zu stehen und aus eigener Kraft heraus etwas Neues zu schaffen – alles Eigenschaften also, die Kinder stark machen. Und so kann das Zusammenspiel allen nutzen.

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