Zeitung Heute : König Fußball dienen

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Dabeisein ist beim Sport bekanntlich alles – bei der kommenden Fußballweltmeisterschaft ist das bloß leider schwierig. Kartenkauf bei der Fifa ist eine Wissenschaft, die an die Erkenntnisse der Chaostheorie erinnert. Die Alternative dazu ist ein geldverschlingender Hindernislauf: Bei Ebay läuft eine Versteigerung von zwei Tickets für das Endspiel in Berlin noch bis zum 4. April, beim letzten Blick ins Internet lag der Preis bei 7605 Euro. Zwei Tickets für das Spiel Deutschland gegen Polen in Mönchengladbach gingen für 1109 Euro unter den Hammer. Kleines Wunder also, dass auch gestandene Leute gerade überlegen, wie sie für ein paar Stunden ins Stadion kommen, ohne gleich ein paar Monatsmieten zu verjuxen. Gelegenheitsjob heißt die Devise!

Ein Engagement als Eisverkäufer wäre nett, da schiebt man seinen Bauchladen durch die Ränge und kann nebenher die Bälle fliegen sehen. Security-Mensch hat auch was für sich – da steht man in den Aufgängen und muss bloß finster und entschlossen aussehen, während man eigentlich das Spiel verfolgt. Platzanweiser für die Logen ist auch nicht schlecht, da kommt die ganze Prominenz, vielleicht trifft man jemand Interessantes.

Silvia Sommerlath hat sich bei den Olympischen Sommerspielen 1972 auf diese Weise sogar eine ganze Krone geangelt und ist seither Königin von Schweden! Falls es dazu nicht reicht, könnte man als Fahrer im Limousinendienst anheuern. Da sieht man zwar nichts von den Spielen, kann aber wenigstens die Atmosphäre rund ums Stadion schnüffeln. Außerdem wäre es doch nett zu hören, was Leute, die sich so was leisten können, im Fonds miteinander reden. Vielleichten tauschen die Großmuftis auf dem Weg zum Anpfiff ja sogar Aktientipps aus... wenn man sich da dranhängt hätte man so zur Abwechslung auch mal einen lohnenden Job. Toll!

Aber was, wenn das schief geht? Wer mit seiner Eisbox müßig herumsteht und aufs Grün starrt, wird vom Chef in die Frittenbude versetzt, wo es gilt, Ketchup verklebte Pappteller zu entsorgen. Security ist auch nicht immer lustig, besonders nicht zwischen den unterschiedlichen Fanblocks. Promis sind oft zickig und arrogant und in den Limousinen werfen die Leute vielleicht gar keine Aktientipps aus, sondern bloß das viele im Stadion genossene Bier?

Jobben ist prima: Um ein paar Euro zu verdienen, um eine fremde Branche auszuprobieren, um mal was ganz anderes zu machen oder um neue Leute kennenzulernen. Mit so einem Engagement auf Zeit kann man alles mögliche anfangen, manchmal sogar eine Daueranstellung finden. Was dabei jedoch garantiert nicht geht, ist Fußball gucken. Wer das will, sollte nicht nach einer meisterschaftsverdächtigen Stelle Ausschau halten, sondern nach einem billigen Platz auf dem heimischen Sofa vor dem Fernseher.

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