Zeitung Heute : "König von Korsika": Reine Glückssache

Maike Albath

Man fühlt sich wie auf einem Ölgemälde, das plötzlich zum Leben erwacht: ein Lütticher Tuchhändler empfängt Großbauern, französische Obristen und mehrere Prälaten zu Geflügel und Bier, die Tische biegen sich unter den Speisen, der Hausherr weist mit großer Geste auf seine Besitztümer, zwei Papageien beobachten das Treiben im Saal. Die Ausstattung der Szenerie ist üppig, es herrscht ein gedämpftes Licht, keine noch so kleine Warze entgeht dem väterlich-ironischen Erzähler, der an lyrischen Vergleichen nicht spart und sich wie ein weiser Großonkel über seine Figurenschar beugt. Behäbig führt er die Präliminarien aus, verbreitet sich über alles das, was zur Zeugung des Aufschneiders Theodor Neuhoff geführt hat, dem Helden seiner Geschichte. Denn wie es sich für einen dickleibigen historischen Roman gehört, gehen Herkunft, Familienbande, Ausbildung, gesellschaftliche und politische Umstände mit ein in die Schilderung des Neuhoffschen Schicksals. Kleebergs Opulenz hat System: die sorgfältig ausstaffierten Interieurs, seine pompöse Sprache, kühne Metaphern und Allegorien sollen den Leser einstimmen auf das Zeitalter des Spätbarock, die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der die Geschichte des Scharlatans spielt.

Gehüllt in ein Chronistengewand und ähnlich selbstverliebt wie der Kaufmann aus Lüttich präsentiert uns Michael Kleeberg in "Der König von Korsika" eine literarisch kaum erschlossene Periode: die Zeit zwischen 1690 und 1750 ist hochinteressant und bietet mehr als eine Parallele mit den 80er und 90er Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts. Die französische Revolution steht noch bevor, das europäische Machtgefüge ist eine wacklige Angelegenheit, Politik wird betrieben wie ein Gesellschaftsspiel, bei der mal diese, mal jene Partei die Zügel in der Hand hält, und England, Frankreich und Spanien wechselnde Allianzen eingehen. Kleebergs Held Theodor Neuhoff ist eine historische Gestalt, ein dankbares Objekt für einen Roman. Der sagenumwobene Geheimagent und spätere König der Mittelmeerinsel Korsika führte ein abenteuerliches Leben, das weder zu gut noch zu schlecht dokumentiert ist, genügend Freiraum für schriftstellerische Phantasie bietet, andererseits die Rückbindung an historische Gegebenheiten erlaubt.

Eine Ehe - nicht ganz so lukrativ wie erhofft

Der echte Theodor Neuhoff, im 19. Jahrhundert im Orkus der Weltgeschichte versunken, war zu Lebzeiten ein Star. Journalisten begleiteten den Tausendsassa bei seinen tollkühnen Unternehmungen und schrieben Berichte, über seine kurze Regentschaft erschienen mehrere Publikationen, Voltaire widmete ihm eine Szene in seinem Candide, die den Opernlibrettisten Casti zu seinem Welterfolg "Il re Teodoro di Venezia" inspirierte. Michael Kleeberg stand vielfältiges Material zur Verfügung - er kombiniert Verbürgtes mit Erfundenem, schmückt aus, formt um und lässt Theodors wechselvolle Biografie Station für Station wieder auferstehen. Der Auftakt seiner Karriere ist eine Lehrzeit in Versaille; Theodor wächst zum Experten für Bespitzelung und Hofschranzentum heran. Anschließend engagiert man den bequemlichen jungen Mann, der in vielen Bereichen Geschick beweist, aber nichts mit Leidenschaft ausübt, als Kurier für delikate Ränkeschmiede. Neuhoff wird Geheimagent, bringt es schließlich zum kaiserlichen Gesandten. Der Charmeur operiert auf europäischem Parkett wie in einem privaten Salon, lässt sich mal von dieser, mal von jener Partei einspannen, weiß immer das Beste für sich herauszuschlagen. Auch aus finanziellen Überlegungen mündet seine eifrige Reisetätigkeit zwischen Paris, Amsterdam, Venedig und Madrid eines Tages in eine Ehe, die weniger lukrativ ist, als erhofft; es folgt ein Intermezzo bei den Pietisten um Zinzendorf, schließlich die Flucht nach Italien.

Eher aus Zufall wird Theodor in Korsikas Unabhängigkeitsbestrebungen verwickelt; weil sein politisches Geschick gefordert ist, gerät er erstmals in seinem Leben in eine ernstere Angelegenheit. Macht sich die korsische Sache zu eigen, entwirft nach den Ideen der beginnenden Aufklärung eine Verfassung, lässt sich 1736 zum König krönen und vertritt damit die erste konstitutionelle Monarchie Europas. Wegen innereuropäischer Zwistigkeiten scheitert die Mission, Theodor hält sich noch eine Weile über Wasser und endet im Londoner Schuldturm, wo er 1756 stirbt.

Mit sicherer Hand steuert Michael Kleeberg seinen Helden durch die Zeitläufte. Ein paar Striche, zack, die Begegnung der Eltern ist fertig erzählt, noch ein paar Striche, zack, der Vater ist tot, ein paar stilvolle Szenen mit seinem Hauslehrer, ein paar Spiele mit seiner Schwester, dann, husch husch, Schauplatzwechsel, hurtig nach Versaille galoppiert, der Junge wird Page bei Liselotte von der Pfalz. So schreitet die Geschichte voran, reich orchestriert von ihrem Requisiteur. Wie auf einer Drehbühne platziert der selbstgefällige Erzähler seinen erfolgreichen Unterhändler vor dieser, vor jener Kulisse: eine Gondelfahrt durch die schiefergrauen Kanäle von Venedig, der Empfang eines englischen Gesandten in Madrid, die Herrnhuter Gemeinschaft im kursächsischen Berthelsdorf, die Ehefrau im taubenblauen Schürzenkleid, Obstverkäufer in den Arkaden von Florenz. Kleeberg weiß die Figur Theodor Neuhoff zu einem facettenreichen Charakter umzuarbeiten, der seine Abgründe hinter gepflegter Fassade verbirgt. Weil der an Alexandre Dumas geschulte Schriftsteller aus Theodor einen Augenmenschen macht, räumt er Äußerlichkeiten viel Platz ein. Der Aufschneider lässt dem Putz und seinem Auftreten so große Bedeutung angedeihen, dass er, kombiniert mit dem Streben nach privater Erfüllung, durch und durch wie moderner Mensch wirkt. Ein höheres Gut als das individuelle Glück gibt es für ihn nicht.

Im Schaufenster des Antiquitätenhändlers

Inmitten der autobiografischen Selbstbespiegelung neuerer Autoren ist der Ausflug in eine fremde Epoche eine willkommene Abwechselung - dass Schriftsteller sich historische Stoffe vornehmen, könnte einen belebenden Effekt auf die zeitgenössische Literatur haben. Passend zu seiner Geschichte knüpft Kleeberg an traditionelle Erzählformen an, übt sich in einem prunkvollen Stil, was einen Kontrapunkt zu den lakonieversessenen Judith-Hermann-Epigonen bildet. Dennoch irritiert etwas an Kleebergs wortmächtigen Werk, es wirkt manchmal wie das überladene Schaufenster eines Antiquitätenhändlers.

Da wird arrangiert und drapiert, was das Zeug hält. Die vielen Beschreibungen schüren den Überdruss, zumal wenn Satzperioden sich auf Proustschen Umfang ausdehnen, ohne dessen Leichtigkeit zu besitzen. Endlose Satzgewinde mit ihren kühnen Vergleichen wirken nicht französisch verspielt, sondern altväterlich, wenn es angesichts der ersten Beischlaferfahrung heißt: "Aber zu langmütig, gar zu passiv genießerisch dürfe er auch nicht sein, es handle sich um ein Geben und Nehmen, weswegen die Baroness nun mit beiden Händen ihr Kleid raffte und von den Schultern riss und sich rittlings über ihn schwang, so dass ihre schweren Brüste wie spanische Galeonen in den Hafen seines Oberkörpers einliefen und direkt vor der Kaimauer seines Kinns andockten und er, genau in dem Augenblick, als er fürchtete, nun müsse sein schutzlos aufgerichtetes Geschlecht unter ihrem weißen Rubenskörper zerquetscht werden, auf eine derart passgenaue und mühelose Weise in sie glitt, dass er eine Befriedigung empfand, die der Sternharts ähneln musste, wenn eine seiner Gleichungen glatt und mit einer ganzen und runden Zahl aufging".

Denn der Theodor bleibt sich ewig gleich

Spöttisch schaut der Erzähler seinem Helden bei den verwegensten Kunststücken über die Schulter, nach spätestens 200 Seiten ist der Trick mit dem ironiegetränkten distanzierten Blick ausgereizt - zumal bei so einer entwicklungsarmen Gestalt. Denn Theodor bleibt sich ewig gleich. Der Erzähler scheint ihm immer ähnlicher zu werden: nach und nach nimmt er an Schwerfälligkeit zu, bekommt etwas Aufgeblasenes, Bequemes. "Kurz darauf lief der Kahn von Theodors Leben, in dem er gegen die Fahrtrichtung gesessen und die zurückweichenden Ufer betrachtet hatte, die Ruder nur beiläufig benutzend, da die Strömung den Nachen von alleine ins Unbekannte trug, auf Grund." Da ergeht es dem Leser wie Theodor nach einem seiner Bankette - man winkt müde ab und lehnt sich erschöpft zurück.

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