Zeitung Heute : Königlicher Topfgarten

Wie vor 300 Jahren werden im Lower Orangery Garden von Hampton Court die Pflanzen präsentiert

Rolf Brockschmidt

Sie waren leidenschaftliche Sammler von Porzellanen, Vögeln aus fernen Ländern und fremdländischen Pflanzen. Vor allem der Jagd auf exotische Pflanzen galt ihre ganze Leidenschaft, mehr als 2000 verschiedene Arten sollen es gewesen sein. Sie konnten es sich leisten. Königin Mary II. von England und William III. von Oranien frönten Ende des 17. Jahrhunderts einem exklusiven Hobby, das zu ihrer Zeit in diesem Umfang einzigartig war. Gelegenheit dazu gab es genug, denn jedes Schiff, das unter englischer Flagge auf den Weltmeeren kreuzte, hatte vermutlich den Auftrag, seltene Pflanzen oder deren Samen der Königin als Geschenk mitzubringen.

Mary II. und William III. residierten in Hampton Court Palace, jener wundervollen Palastanlage vor den Toren Londons am Ufer der Themse, die einst Heinrich VIII., nachdem er Kardinal Wolsey enteignet hatte, zu einem imposanten Schloss im Tudorstil neu gestalten ließ. Während ihrer Regierungszeit – sie begann im Jahr 1689 – ließen es William und Mary teilweise abreißen und so umbauen, wie es sich dem Besucher heute darbietet.

Berühmt ist Hampton Court für seine großartigen Gartenanlagen. Über 24 Hektar kann man besichtigen: den südlichen Privatgarten, den öffentlichen Garten mit anschließendem Park im Osten des Schlosses, einen Lustgarten im Norden und Westen und einen Turnierplatz. Die Grundgliederung übernahm William III. von seinem Vorgänger, ließ aber die Gärten was die Gestaltung betraf, im Stil des Barocks anlegen.

Wer heute Schloss Hampton Court besichtigt, wird beeindruckt sein von den imposanten Sichtachsen, den getrimmten Bäumen und der verschwenderischen Blütenpracht in dem mit Ornamenten verzierten Privatgarten. Er wurde 1995 originalgetreu wiederhergestellt. Eine der farbenprächtigsten Anlagen dürfte jedoch der Teichgarten in der Nähe der Orangerie sein, den William III. 1702 hat anlegen lassen. Gerade im Frühjahr zeigt sich dieses intime Ensemble in einer verschwenderischen Blütenpracht von Tulpen, Narzissen und Hyazinthen.

Ihm gegenüber liegt die Orangerie. Vor dem Gebäude war bis vor einigen Jahren nur ein unscheinbares Rasenstück zu sehen, dem kaum ein Besucher Beachtung schenkte. Wohl aber die Gärtner der Stiftung Historical Royal Palaces, die nicht nur Hampton Court Palace, sondern auch weitere Königliche Schlösser (Kensington, Tower, Kew, Banqueting Hall) betreuen.

„Seit 20 Jahren arbeiten wir an dem Lower Orangery Garden, der sich hier vor der Orangerie befunden hat“, erzählt Chefgärtner Martin Einchcomb. Seit gut einem Jahr ist der Garten restauriert und gehört zu den Besonderheiten der Parkanlagen. Zu sehen sind, wie zu Königin Marys Zeiten, auf einer etwas tiefer gelegenen Kieselsteinfläche, in Reih und Glied aufgestellte Pflanzentöpfe unterschiedlichster Art: unbehandelte Terracottatöpfe aus Italien, weiße Holzkübel, die mit grünen Metallringen gehalten werden, eine englische Spezialität, und kostbare Töpfe in Delfter Blau. Sie stammen allerdings nicht aus Delft, sondern sind Fayencen aus Makkum in Friesland, die dort eigens auch heute noch für Hamptom Court hergestellt werden.

„Königin Mary war die erste Topfgärtnerin in ihrem Land. Ihre Kollektion von 2000 verschiedenen Pflanzenarten nur in Gefäßen und Kübeln war einzigartig in Europa“, schwärmt Einchcomb und fügt hinzu, dass man sich auch heute noch von ihren Ideen gut Anregungen für den eigenen Garten holen könne.

Die Kübel stehen einzeln auf erhöhten Holzbohlen. „Man wollte die Pflanzen als etwas Besonderes und majestätisch präsentieren.“ Das ist gelungen. Blickt man von oben auf die Anlage, so ähnelt sie einem gut geplanten und inszenierten Bühnenbild. „Der Hof sollte die Pflanzen sehen und natürlich wollte man damit auch die Staatsgäste beeindrucken, die nach Hampton Court kamen“, erzählt Martin Einchcomb. Allerdings habe die Platzierung auf Holzbohlen auch einen ganz praktischen Grund, erläutert er: „Zum einen werden die Töpfe nicht durch hochspritzende Erde beschmutzt, wenn es einmal heftig regnet, zum anderen kommt kein Ungeziefer durch die Erde in den Topf. Auf die Frage, warum weiße Steine für den Boden ausgewählt wurden, erklärt der Chefgärtner: „Rasen wäre zu englisch gewesen.“ Außerdem speicherten die Steine die Wärme der Sonne und das bekäme den exotischen Pflanzen ausgesprochen gut.

Archäologen hatten das schmale Areal vor der Orangerie ausgegraben, um Überreste zu finden, die Aufschluss darüber geben könnten, wie die Pflanzensammlung vor 300 Jahren ausgesehen haben mag. Anhand von Listen, Plänen und Zeichnungen aus Archiven konnte der Lower Orangery Garden originalgetreu restauriert werden. Noch sind die 150 Arten ein eher bescheidener Anfang. „Das größte Problem ist es, alle Pflanzenarten, die diese Sammlung einst umfasste, zusammenzustellen“, sagt Einchcomb. Denn sie kamen aus Ceylon, vom Kap der Guten Hoffnung, von Barbados und aus Nordamerika, von Mauritius und aus dem Mittelmeerraum. „Pflanzen aus Indien sind nicht mehr auffindbar, wir sind dabei auf historische Beschreibungen angewiesen“, bedauert der Gärtner.

Bereits Anfang der 90er Jahre hatte Einchcomb damit angefangen, die neue Sammlung aufzubauen, „mit Aloe und Sixus“, erzählt er. Das sei eine Heidenarbeit, denn die ursprüngliche Kollektion zählte alleine über 1000 Zitrusbäume, vor allem Orangen, der Wappenpflanze des Hauses Oranien, dem Wilhelm III. entstammte. Im 17. Jahrhundert sei es dem Zeitgeist entsprechend darum gegangen, das Ausgefallene, Abweichende, Rätselhafte zu bekommen, erläutert Einchcomb. Nun gelte es, „ein gigantisches grünes Puzzle zusammenzusetzen, von dem gerade einmal knapp zehn Prozent wieder existieren“. In den Töpfen und Kübeln gedeihen bereits Aloen, Kakteen, Zitrusbäume, Scabiosen und Palmen. Im Frühjahr werden zusätzlich vor allem natürlich Zwiebelpflanzen zu sehen sein, Narzissen, Hyazinthen, Tulpen. Auch sie galten einst als exotisch.

Mit seiner bedeutendsten botanischen Sammlung weltweit hatte das königliche Paar auch den Grundstein für Kew Garden gelegt, den berühmten Botanischen Garten in London. Nach dem Tod Williams III. wurden die empfindlichen Pflanzen zwar von seinen Nachfolgern betreut, kamen jedoch, als Hampton Court 1760 als königliche Residenz aufgegeben wurde, nach Kew Garden.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren noch einige Orangenbäume zu sehen. Doch mit Beginn des Ersten Weltkriegs gab es Wichtigeres, als die Kultivierung von Pflanzen. Und nun hat der kleine Garten vor der Orangerie nach 300 Jahren eine Chance, wieder zu dem zu werden, was er einmal war: eine königliche Sammlung.

Hampton Court Palace, East Melesley, Surrey. Geöffnet ist täglich 10 bis 16.30 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter: www.hrp.org.uk

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