Zeitung Heute : Königsstern in den Fischen Gab es den Stern von Bethlehem tatsächlich? Wissenschaft am Scheideweg

Thomas de Padova

Großartig! Da sitzt man im Planetarium, das Licht geht aus und plötzlich erscheint der Sternenhimmel so, wie er zu Christi Geburt über Bethlehem zu sehen war. Vor mehr als 2000 Jahren. Vielleicht fehlen ein paar Wolken, ein paar Sternschnuppen, sonst nichts. Die Geschichte des Himmels ist wohl die einzige, die sich so genau rekonstruieren lässt.

Den Weihnachtsstern eingeschlossen? In ganz Deutschland wird seine Geschichte in den Sternwarten erzählt oder vielmehr: gewissenhaft erklärt. Sie ist wie fürs Planetarium geschaffen. War der Stern von Bethlehem ein Komet? War er eine Supernova? Oder wies eine mehrfache Begegnung der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild Fische den drei Weisen den Weg?

Am Sternenhimmel lassen sich die verschiedenen Möglichkeiten durchspielen, favorisiert wird oft letztere, mitunter ohne auch nur einen Zweifel daran zu lassen, dass es sich beim Weihnachtsstern um ein tatsächliches Himmelsereignis handelte. So wird aus dem biblischen Zeichen ein erbauliches Erlebnis. Die astronomische Wissenschaft scheint keinen Schaden zu nehmen, wenn sie ein Wunder wie das des Sterns von Bethlehem zu deuten vermag. Oder vielleicht doch?

Hans-Friedger Lachmann hat die Geschichte des Sterns der Weisen soeben am Zeiss-Großplanetarium in Berlin aus astronomischer Sicht beleuchtet. Zurückhaltender als viele seiner Kollegen. „Sicher ist es nicht schön, wenn man zugeben muss, dass man etwas nicht weiß“, sagt der Produktionsleiter des Planetariums. „Aber die Wissenschaft kann auch einmal eingestehen, dass sie auf eine Frage keine Antwort hat. Wir müssen den Bibeltext nicht so interpretieren, als ob es sich bei dem Stern von Bethlehem um ein reales Phänomen handele.“

Viele aus seiner Zunft sehen das anders, allen voran Konradin Ferrari d’Occhieppo. Der 98-jährige Emeritus der Uni Wien hat eine Theorie zum Stern von Bethlehem wiederbelebt, die auf Johannes Kepler zurückgeht. Im modernen Kleid erscheint sie so plausibel, dass sie fester Bestandteil des astronomischen Weihnachtsprogramms geworden ist.

Keplers Hypothese hatte aber einen deutlich anderen Beiklang. Er war nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch einer der Letzten, die sich bemühten, die Astrologie zu erneuern und „in Übereinstimmung mit der Natur“ zu bringen. In zwei Schriften präsentierte er auch eine Theorie zum Stern von Bethlehem. Sie fußte auf einer Entdeckung, die alle Astronomen seiner Zeit in Atem hielt: dem Erscheinen eines „neuen Sterns“.

Zwischen Oktober 1604 und den ersten Monaten des Jahres 1605 zeigte sich am Nachthimmel eine neue Lichtquelle. Sie war vorübergehend so hell wie der Planet Venus, verblasste aber während des Winters wieder. Wie wir heute wissen, ist eine solche Nova oder Supernova kein neuer Stern, sondern – im Gegenteil – das letzte Aufflammen eines Himmelskörpers: eine gigantische Explosion.

Kepler ging dagegen davon aus, dass Sterne und Planeten unveränderlich sind, und nur das Geschehen in der sublunaren Sphäre einem ständigen Wandel unterworfen ist. Die schwer erklärliche Nova war seiner Vermutung nach durch eine vorherige Begegnung von Jupiter und Saturn ausgelöst worden. Konnte eine ähnliche Erscheinung auch die Ankunft des Messias angekündigt haben?

Kepler rechnete nach, dass sich die Planeten Jupiter und Saturn (nach heutigem Kalender) im Jahr 7 vor unser Zeitrechnung gleich drei Mal im Sternbild Fische begegnet waren, und zwar am 27. Mai, am 6. Oktober sowie am 1. Dezember. Eine äußerst seltene Zusammenkunft, die sich für ein und dasselbe Sternbild nur alle 800 Jahre wiederholt. Daraus schloss er, dass es auch damals zu einer Nova gekommen, dass der Stern von Bethlehem ein „neuer Stern“ gewesen sein müsse. Da das genaue Geburtsdatum Christi nicht mehr festgestellt werden konnte, stand diese Deutung nicht im Konflikt mit historischen Quellen.

Nach heutigem Erkenntnisstand haben die Planeten des Sonnensystems und Supernovae jedoch nichts miteinander zu tun. Alle Vermutungen, bei dem Stern von Bethlehem könnte es sich um eine Supernova gehandelt haben, auch die moderne Variante des Religionswissenschaftlers Werner Papke, hätten sich als haltlos erwiesen, sagt Lachmann. Es gibt keine historischen Berichte über eine solche Supernova. „Außerdem müsste man mit heutigen Methoden den Überrest der Supernova finden können.

Und ein Komet? Der scheidet Lachmann zufolge auch aus. Vor allem, weil Kometen Unglücksboten waren. D’Occhieppo glaubt trotzdem, den Stern endgültig identifiziert zu haben. Der Astronom hat zwar den einen Teil der Keplerschen Hypothese verworfen. Er hält jedoch die Begegnungen von Jupiter und Saturn selbst für ein „Jahrtausend-Ereignis“ und für himmlische Zeichen an die Weisen aus dem Osten.

Jupiter sei der Stern des babylonischen Gottes Marduk gewesen, Saturn dagegen habe als der Planet des jüdischen Volkes gegolten. Wenn also der Königsstern Jupiter mit dem Stern Israels Saturn drei Mal zusammentraf, und zwar im Sternbild Fische, das d’Occhieppo ebenfalls mit Palästina und dem Volk der Juden in Verbindung bringt, dann könne diese nur bedeutet haben, dass dort ein mächtiger König geboren werden sollte.

Für d’Occhieppos Theorie gibt es erstaunliche Indizien. Im Jahr 1925 entzifferte der Assyriologe Paul Schnabel eine Keilschrifttafel aus Borsippa bei Babylon. Darauf sind die Positionen von Jupiter und Saturn für die Zeit vom März des Jahres 7 vor unserer Zeitrechnung bis zum März des Jahres 6 aufgelistet.

„Hier ist der Bericht“, sagt Joachim Marzahn, greift zu einer grünen Pappschachtel und legt eine aus drei Fragmenten zusammengesetzte, handtellergroße Scherbe voller Einkerbungen auf den Tisch. „Das ist das Originaldokument.“ Wahrscheinlich sei es im Jahr 8 v. u. Z. geschrieben worden, sagt der Kustos der Keilschriftensammlung des Vorderasiatischen Museums in Berlin.

Wenn dies richtig ist, hätten die Babylonier mit der Tafel die im Voraus berechneten Stern- und Planetenpositionen für das kommende Jahr angegeben. Gleich zu Beginn des Textes, für dessen Lektüre man auch die in London aufbewahrten Gegenstücke benötigt, ist von „Jupiter in den Fischen“ die Rede. Auch Saturn wird in diesem Sternbild erwartet.

Beweist der Fund nun, dass Weise aus dem Osten die Ankunft des Messias vorausgesehen haben? „Es ist hier nicht von einer besonderen Himmelserscheinung die Rede“, sagt Marzahn. Ein Punkt, den auch Lachmann hervorhebt: „Selbst bei der größten Annäherung trennten Jupiter und Saturn etwa zwei Vollmonddurchmesser voneinander. Die Planetenkonstellation konnte nicht als ein Stern wahrgenommen werden.“

Die beiden Planeten seien sich nie so nah gekommen. Im Matthäus-Evangelium sei aber von einem Stern die Rede: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ (Matthäus 2, 1) Lachmann legt Wert auf das Wort „aster“ für Stern im Urtext. Andere Stützen der Theorie, etwa die Bedeutung, die d’Occhieppo dem Saturn und dem Sternbild Fische zuschreibt, hält er auch für wenig belastbar. Aber was könnte es dann mit dem Stern von Bethlehem auf sich haben?

Sterne sind als Königssymbol seit etwa 1500 vor Christus bezeugt. Mit ihnen wurde der Antritt eines neuen Herrschers gefeiert, sei es in Babylon, Griechenland oder Rom. Sterne gehören auch seit jeher zur Messiaserwartung. Bileam verheißt im vierten Buch Mose (24, 17) den Juden ihren Messias mit den Worten: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“

„Der Glaube an die Auffindbarkeit des Bethlehemsterns ist ebenso unbegründet wie der an die ebenfalls von Lukas (23,44) überlieferte Sonnenfinsternis bei der Kreuzigung“, schreibt Alexander Demandt in seinem soeben erschienenen Buch „Sieben Siegel – Essays zur Kulturgeschichte“. Der Althistoriker der Freien Universität Berlin verweist darauf, die Geschichte vom Stern und den Magiern sei „ein Stück der persischen Mithraslegende, die nachträglich auf Jesus umgedeutet wurde“. Magier erwarteten die Geburt des Mithras, das Zeichen gab ein Stern, selbst die Anbetung durch die Hirten sei für Mithras bezeugt.

Der Assyriologe David Brown von der Freien Universität sieht das ähnlich. „Die einfachste Erklärung für den Stern von Bethlehem ist, dass die Christen ihren Messias damit rechtfertigen wollten“, sagt der Experte für Astronomie in Mesopotamien. Auch Marzahn meint, es handele sich bei dem Stern „eindeutig um eine Legendenbildung, die auf die christliche Religion zugeschnitten wurde“.

Ist das nun die Geschichte des Weihnachtssterns? Führt er die Astronomen an der Nase herum? Werden manche von ihnen an diesem Punkt vielleicht noch einmal von den jahrtausendealten astrologischen Ursprüngen der Wissenschaft eingeholt? „Die Geschichte des Sterns bleibt geheimnisvoll“, sagt Lachmann. „Aber er ist sicher nicht das Wichtigste an der Weihnachtsgeschichte.“

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