Zeitung Heute : Können Tote reden?

Eine Leiche erzählt fast alles über den Tod – man muss nur genau hinsehen. Ein Besuch im Rechtsmedizinischen Institut der Berliner FU.

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Von Silke Becker

Die junge Frau, die auf dem Metalltisch lag, gab ihnen Rätsel auf. Die Gerichtsmediziner standen da und wussten nicht, was sie denken sollten. Eigentlich lösen sie ja jeden Tag Rätsel, setzen Puzzlespiele zusammen, aber bei dieser jungen Frau stimmte etwas nicht. Offenbar war sie erwürgt worden. Sie hatte lange in einer Grube gelegen, viel war nicht mehr zu erkennen. Aber wenn die Frau tot war, bevor sie verbuddelt wurde, wie kam dann der Sand in die Luftröhre?

Worüber andere lange Filme drehen und dicke Büchern schreiben, daraus besteht bei Professor Helmut Maxeiner das ganze Leben. Sein Alltag sind Leichen. Jeden Tag beschäftigt er sich mit Schussverletzungen, Würgemalen, Schädelrissen, Stichwunden, Schlagspuren und Knochenbrüchen.

Diese junge Frau nun, ist sie lebendig begraben worden? Die Gerichtsmediziner konnten den Sand in der Luftröhre nicht deuten, wussten nicht, ob es möglich ist, dass Sand noch in Körper von Leichen rieselt. Die Ärzte konnten sich nur vorstellen, dass die Frau noch lebte, vielleicht bewusstlos war, aber noch atmete, als sie schon unter der Erde lag.

Helmut Maxeiner ist ein freundlicher, drahtiger Mann, der sich oft die kurzen, roten Stoppelhaare rauft. Sehr wache Augen, Brille, das Polohemd hängt aus der Jeans, bequeme Arztschuhe, in denen er gut stehen kann. Im Vorzimmer sitzt seine Sekretärin Eva Dubell und sagt in einem Ton zwischen Seufzen und Faszination: „Ständig hat er Ideen.“ In ihren Regalen stapeln sich Zettel mit wissenschaftlichen Arbeiten, die sie bestellen soll, darunter sein Kürzel: Max.

Bei der jungen Frau hatte Maxeiner die Idee, die Wirklichkeit nachzustellen. Aber ohne Leiche? Maxeiner beschaffte tote Katzen in der Tiermedizin. Mit Stöckchen öffnete er ihre Mäuler, dann begrub er die Katzen in einem Sandhaufen. Als er sie wieder herausholte und obduzierte, fand er bei einigen tatsächlich Sand in der Luftröhre. Maxeiner und die anderen Gerichtsmediziner waren erstaunt. Aber sie wussten jetzt: Die Frau muss nicht lebendig begraben worden sein.

Der Professor hat viele solcher Beispiele von „angewandter Rechtsmedizin“, wie er das nennt, wenn sie Sachverhalte nachstellen. Er erzählt davon, ohne mit der Wimper zu zucken, keine besonderen Regungen, er redet ja nur von seinem Alltag. Manchmal stehen die Gerichtsmediziner unten im Sektionssaal und hauen so lange unterschiedliche Messer in Wachsblöcke, bis sie wissen, nach welcher Tatwaffe die Kripo suchen muss. Vor ein paar Monaten haben sie sogar mit Brotmessern um sich geschleudert. Das war nötig, als eine Frau eine Stichverletzung hatte, die bis an die Lunge reichte. Es hatte Streit mit der Tochter gegeben. Aber beide behaupteten danach, die Tochter habe mit dem Messer nicht gezielt gestochen, es sei zufällig im Körper der Mutter gelandet. Eine Mutter schützt ihr Kind, dachte die Polizei, auch die Gerichtsmediziner zweifelten. Kann ein Brotmesser, das weggeschleudert wird, bis an die Lunge dringen? Da besorgten sich die Ärzte Leichen, genau die gleichen Messer und probierten aus. Und tatsächlich landeten die gezackten Brotmesser in den Körpern. Möglich also, dass die Frauen die Wahrheit sagten.

Manche am Rechtsmedizinischen Institut behaupten, Maxeiner sei hier die stille Koryphäe. Aber so etwas will er gar nicht hören. Mit Lob kann er nicht umgehen, und er ärgert sich bestimmt, wenn er das jetzt liest. Er ist schätzungsweise 50, aber er will nicht sagen, wie alt oder wie lange er schon dabei ist. Was tut das zur Sache? Ihm geht es um das Fach.

Das Rechtsmedizinische Institut der Freien Universität Berlin liegt in Dahlem, zwischen Parks, hübschen Villen und alten Bäumen. Still ist es in diesen Straßen, Vögel sind zu hören, Hundegebell. Manchmal fragt man sich, ob die Menschen in diesen vornehmen Häusern und mit den dicken Autos davor ahnen, was in ihrer Nachbarschaft geschieht. Dass hinter den gelben Mauern, unten, zu ebener Erde, Leichen geöffnet, Kopfschwarten aufgeschnitten und zurückgeschoben und die Torsi vom Hals bis zu den Geschlechtsteilen geöffnet werden. So schreiben das die Paragrafen 87 und 89 der Strafprozessordnung vor. Mägen, Lungen werden herausgenommen, gewogen, geschnitten und untersucht. Bei Verkehrsunfällen öffnen Rechtsmediziner auch Arme und Beine, nehmen Knochen heraus, als handelte es sich bei den Leichen um einen Baukasten.

Hier unten beschäftigen sich Gerichtsmediziner mit Menschen, die nicht an Krebs starben, eingeschlafen oder langsam dahingesiecht sind. Bei denen, die sie zu Gesicht bekommen, steht meist ein Unglück dahinter. Oder ein Verbrechen. Die Gerichtsmediziner finden heraus, woran die Menschen wirklich gestorben sind.

An den Körpern arbeiten sie zu zweit. Zwei sehen mehr als einer. Rote Flecken, ungewöhnliche Punkte, Druckstellen. Wenn eine Leiche starken Geruch verströmt, stehen die Ärzte über den Körpern und versuchen zu riechen, welches Gift dahinter stecken könnte. Pflanzenschutzmittel wie E 605 erkennen sie sofort, sagt Maxeiner. Auch Chloroform oder Alkohol sind meist kein Problem. Alkohol finden sie noch nach Monaten, der wird nur bei funktionierendem Stoffwechsel abgebaut. Problematisch sind viele Medikamente und Designerdrogen, die sich ständig ändern.

Eigentlich sei die Arbeit in den letzten Jahrzehnten immer die gleiche geblieben, erzählt Maxeiner, natürlich hätten sie heute DNS-Analysen und Computer, aber das Wichtigste sei „genaues Gucken“, sie brauchen ruhige Augen und Hände zum Tasten. Sie sind Spezialisten für blaue Flecken, Stromschläge, Misshandlungen, Blutflecken, Frakturen, Fäulnisblasen. Gerade im Sommer haben sie oft mit „verfaulten Leichen“ zu tun. Liegt ein Mensch unter der Bettdecke bei 30 Grad und direkter Sonneneinstrahlung, ist er nach einem Tag „grün und blähig“.

Die Gerichtsmediziner sind jetzt stolz auf ihre neue Belüftungsanlage, die schlechte Luft unten wegsaugt und oben neue nachpustet. Sie könnten hier alle Bücher schreiben, über Gewalt, Grenzsituationen und darüber, wie Menschen im Affekt handeln. Aber fragt man die Ärzte, wie es ihnen mit dieser Arbeit geht, wie sie sich fühlen, ob sie den Blick auf das Leben verändert, dann antworten die Mediziner sachlich, aber sie machen Gesichter, als wollten sie sagen: Ach, diese komischen Fragen. Und der Chef, Professor Volkmar Schneider, schlägt vor, Emotionales doch mit der Assistenzärztin zu besprechen, so von Frau zu Frau.

Sie könnten ja nur wiederholen, dass man sich gewöhnt, dass es natürlich mal stinke, aber das erlebe jeder Arzt. Maxeiner fände es viel „belastender, auf einer Station mit tumorkranken Kindern zu arbeiten, wo man weiß, dass sie bald sterben werden“. Aber in der Gerichtsmedizin sind die Menschen tot, sie leiden nicht mehr. Hier finden die Ärzte heraus, was zum Tod führte. Die Staatsanwaltschaft will wissen, „ob es eine nachweisbare Fremdeinwirkung gab“. Eigentlich ist die Arbeit immer eine Suche nach der Wahrheit, die Gerichtsmediziner versuchen, die toten Körper zum Sprechen zu bringen. Da kann einer erzählen, er habe in Notwehr mit einem Beil zuschlagen müssen, und dabei sei der andere gestorben. Die Gerichtsmediziner finden die Wahrheit, sehen am Schädel, von welcher Seite das Beil flog. Wurde von hinten zugeschlagen, ist das Notwehr-Argument nicht haltbar. Oder junge Eltern behaupten, ihr Baby sei aus dem Hochbett gefallen, habe ruhig geschlafen, als sie es das letzte Mal sahen. Die Mediziner finden heraus, ob das stimmen kann. Sie sehen an der Schädeldecke, ob das Kind vielleicht in Wut geschüttelt wurde und Hirnblutungen zum Tod führten. Selbst bei Hochhausspringern finden sie meist heraus, ob der Mensch am Aufprall oder vielleicht vorher starb. Sie sehen sich an, mit welchem Körperteil er aufkam, entdecken sie andere Verletzungen, werden sie unruhig. Ihre Arbeit ist immer ein Puzzle, eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin sind ein bis drei Prozent der Fälle nicht zu lösen.

Der Fall Bubi Scholz

Das Institut ist auf zwei Villen verteilt, im Eingang liegt graubrauner Teppichboden, auf Stellwänden stehen Seminarankündigen, Symposien, hin und wieder hört man Schreibmaschinengeräusche. Jemand tippt im Zwei-Finger-Suchsystem. Das ist der Bibliothekar Heidinger, der findet, „dass es im Haus ganz schön stinkt“, und er sagt: „Nee, für mich wär’ das nüscht, aber wichtig ist es wohl.“

Direkt über der Bibliothek sitzt der Chef, Professor Volkmar Schneider. Ein Mann, der in seiner Jugend Mäuse auskochte, aus Interesse am Skelett. Ein weißhaariger Herr, immer leichte Bräune im Gesicht, der blau gestreifte oder karierte Hemden trägt, zwischen Lederbänden und hinter einem blank polierten Schreibtisch sitzt. Er trinkt Tee aus Bunslauer Porzellan, und hinter ihm sind Bilder der sechs Enkel. Schneider ist auch der Chef des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin, er war ein paar Jahre Vizepräsident der Freien Universität, Leiter der forensischen Psychiatrie, ist der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, bekam die Ehrendoktorwürde verliehen und ist Herr über 100 Mitarbeiter. Er ist 63 und geht bald in Pension. Dann wird er ein Buch schreiben, er hat ja keine Hobbys. Jedenfalls fallen ihm keine ein, er hat doch immer gearbeitet. In dem Buch wird er von seinen vielen berühmten Fällen erzählen, von Benno Ohnesorg 1967 und der Ehefrau von Bubi Scholz, die im Bad von ihrem Mann erschossen wurde. Schneider wird auch von Paul McCartney erzählen, dem er in London Blut abnehmen musste, weil eine Berlinerin behauptete, er habe ihr ein Kind gezeugt. 50000 Menschen hat er in seinem Leben obduziert, das sind die Einwohner einer Stadt wie Passau. Er weiß nicht, wo er anfangen soll zu erzählen. Sein weißer Kittel hängt links im Schrank, gleich neben der Tür. Er geht noch jeden Tag in den Sektionssaal, sagt er, guckt mit drauf, hat einen sehr genauen Blick und viele Ideen, was an der Erfahrung liegt. Aber er ist auch der Chef. Die alltägliche Arbeit übernehmen andere.

Ärzte wie Edwin Ehrlich. Der Überrollungsexperte. Ein kräftiger Mann, dunkle, dichte Haare, er stützt die Hände auf die Knie, wenn er redet. Ehrlich hat sich gerade Monate mit so einer Überrollung beschäftigt. Ein Mann wurde an einer Kreuzung auf dem Berliner Ku’damm überfahren. Ehrlich kann davon erzählen, weil der Täter verhaftet ist. Die Polizei hätte ihn ohne die Hilfe der Gerichtsmediziner nie gefunden. Der Unfall wurde nicht beobachtet, nur ein Anwohner sah einen alten blauen Golf davonfahren. Niemand wusste, ob der etwas damit zu tun hatte, und die Polizei kann nicht alle blauen Golfs suchen. Im Sektionssaal fanden die Ärzte bei dem Toten dann Spuren von Glassplittern am Schädel, keine scharfen Schnitte, sondern rote Flecken, wahrscheinlich von Autoscheiben. Von diesem Moment an suchte die Polizei nach einem Wagen mit kaputten Scheiben. Edwin Ehrlich fand im Sektionssaal auch Verletzungen am linken Bein, und so wusste die Polizei, dass unterhalb des Fahrzeugs Gewebespuren sein müssen. Aber wie sucht man einen blauen Golf in einer Millionenstadt wie Berlin? Der Fall geht an die Presse. Ein Golf mit zerbrochenen Scheiben würde gesucht.

Jetzt kommt ein Ehepaar ins Spiel. Die beiden wollen einkaufen fahren und können kaum ausparken, weil sie von einem Golf eingeklemmt sind. Ihnen fällt die kaputte Frontscheibe auf, aber sie denken sich nichts und erledigen den Einkauf. Als sie zurückkehren, steht derselbe Golf plötzlich mit reparierter Frontscheibe da. Jetzt fällt ihnen ein, was sie morgens im Radio hörten. Sie rufen die Polizei. Die sieht sich den Wagen an, findet den Halter heraus und sucht ihn zu Hause auf. Dort treffen Polizisten auf eine ahnungslose Mutter, die erzählt, der Sohn sei gerade auf dem Schrottplatz. Sie weiß sogar, auf welchem. Der Schrotthändler kann erzählen, dass er einem blauen Golf Frontscheibe und Kotflügel ersetzt habe. Jetzt sehen sich die Polizisten den Wagen genauer an. Sie finden Ablagerungen von Blut und Gewebespuren unterhalb des Fahrzeugs. Der junge Mann gesteht. Jetzt sitzt er im Gefängnis.

Wohin mit der Leiche?

166 Leichen hat Edwin Ehrlich im letzten Jahr obduziert. „Mehr ist nicht zu schaffen“, sagt er. Aber eigentlich müssten sie alle viel mehr obduzieren. Denn die Zahl der unentdeckten Morde und Tötungsfälle ist viel höher, als man annehmen möchte. Das Problem bei Mordfällen, sagt Ehrlich, ist ja meistens: Wohin mit der Leiche? Vergraben, verstecken, im Wasser versenken – irgendwann wird sie entdeckt. Das Beste ist, wenn auf dem Leichenschauschein „natürlicher Tod“ angekreuzt ist. Dann werden die Menschen beerdigt, und niemandem fällt etwas auf. Doch „natürlicher Tod“ steht viel häufiger da, als es sein dürfte. Das Problem sind Ärzte, die nicht genau hinsehen wollen oder können. Hausärzte auf dem Land, die sich zwar wundern, warum der neulich noch so fidele Patient plötzlich verstorben ist. Aber wenn der Fall nicht offensichtlich ist, werden sie nur ungern Zweifel äußern. Für Ärzte in ländlichen Gebieten steht viel auf dem Spiel. Schalten sie Rechtsmediziner ein, macht das schnell die Runde, und sie sind Patienten los. Wenn es natürliche Tode waren und der Arzt anfängt, eine Leiche zu entkleiden, um sie sich genau anzusehen, empfinden Angehörige das als pietätlos. Ein Problem sind auch Bereitschaftsärzte im Nachtdienst, die in Wohnungen gerufen werden und schnell mal sagen: „Ja, der ist tot, sieht man doch.“ Volkmar Schneider erzählt von Fällen, wo Ärzte vom Türrahmen aus den „natürlichen Tod“ bescheinigten. Hochrechnungen von Rechtsmedizinern haben ergeben, dass jeder zweite Tötungsfall unentdeckt bleibt.

Am nächsten Tag sitzt Helmut Maxeiner in seinem Büro, er hat drei Räume, sitzt mal hier, mal da, wo gerade Platz ist, dazwischen Doktoranden, überall stapeln sich Akten und Ordner bis an die Decke. Darin befinden sich, in knappem Amtsdeutsch festgehalten, Tragödien. Von der Frau, die sechs Stromschläge überlebte; der Ehefrau, die versuchte ihren Mann mit zuckersenkenden Mitteln umzubringen, und irgendwo in den neuen Ordnern steht auch die Geschichte eines jungen Mannes: Er hatte sich lautstark mit dem Vater seiner Freundin gestritten. Plötzlich lag der Ältere tot auf der Straße. Nachbarn sahen noch, wie der junge Mann mit einem Stock davonlief. Auch die Gerichtsmediziner dachten zunächst, auf den Kopf ist etwas niedergesaust: zwei lange Wunden, dazwischen merkwürdige Verbindungen. Was ist das gewesen? Dann fuhr ein Rechtsmediziner mit dem Bild der Wunde an den Tatort. Er sah sich den Unfallort genau an, lief herum, suchte Boden und Wände ab und dann fand er, was er suchte. Einen Gullideckel. Maxeiner schiebt jetzt in seinem Computer zwei Bilder übereinander, von dem Schädel und dem Gullideckel. Sie passen genau aufeinander. Der ältere Mann hatte sich im Streit so aufgeregt, dass sein Herz aussetzte. Als er umfiel, war er bereits tot. Ohne die Gerichtsmediziner würde der junge Mann im Gefängnis sitzen. Sie haben getan, was sie immer tun. Herausfinden, was passiert ist.

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