• Könnte Deutschlands nördlicher Nachbar ein Vorbild sein? Die Jugendarbeitslosigkeit dort ist drastisch zurückgegangen

Zeitung Heute : Könnte Deutschlands nördlicher Nachbar ein Vorbild sein? Die Jugendarbeitslosigkeit dort ist drastisch zurückgegangen

Thomas Veser

Wenn dänische Jugendliche keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, können sie sich in der Berufsschule ausbilden lassen - und kommen auch so zu einem Abschluss. Die nationale Quote der Jugendarbeitslosigkeit ist durch diese Möglichkeit um zwei Drittel zurückgegangen und damit nur halb so hoch wie im Durchschnitt der EU-Länder.

Könnte das kein Vorbild für Deutschland sein? Die gemeinnützige Bertelsmann Stiftung jedenfalls hat Dänemark den diesjährigen Carl-Bertelsmann-Preis zum Thema "Berufliche Bildung der Zukunft" zugesprochen. Die derzeit größte Stiftung Deutschlands wählte die Berufsqualifikation ganz bewusst als Thema für die Preisvergabe aus. "Die anhaltende Kritik am dualen System in Deutschland lieferte hierzu den Anlass", betonte Stiftungsratsvorsitzender Mark Wössner bei der Preisverleihung in Gütersloh. Inzwischen habe sich gezeigt, dass die Berufsausbildung hierzulande zu stark von der Konjunktur abhängig sei. Wössner bescheinigte dem dualen System, das lange als "heile Welt" betrachtet worden sei, schwere Defizite: "Die ehemals gerühmte deutsche Berufsbildung ist im Formalismus erstarrt und braucht dringend eine Überholung." Als großen Nachteil bezeichnete er das Nebeneinander von landesrechtlich organisierten Berufsschulen und Bundesvorschriften zur betrieblichen Ausbildung. Dies gehe auf Kosten der Flexibilität. In Anlehnung an das dänische Modell forderte Wössner, dass Schulen und Betriebe in Deutschland zukünftig eine "integrierte Berufsbildungsplanung vor Ort" vereinbarten sollen. Eine systematische Zusammenarbeit von Betrieben, Bildungsträgern, Verbänden, Kommunen und staatlicher Aufsicht müsse nach dänischem Vorbild auch hierzulande zur Regel werden.

Was Dänemarks Ausbildungssystem für die Gütersloher Stiftung auszeichnungswürdig machte, ist vor allem eins: In keinem Land Europas beteiligen sich Sozialpartner, Unternehmen, Staat, Schulverwaltungen und Lehrer aktiver und vorbehaltsloser an der gemeinsamen Verbesserung ihres Bildungssystems. Und nirgends verfügen Schulen über größere Freiräume: Lehrplan und Budgetverwaltung fallen weitgehend in ihre Zuständigkeit. In Verträgen wurde nicht nur der staatliche Förderanteil festgeschrieben. Die Bildungsstätten verpflichten sich, Geld zu erwirtschaften. So bieten sie etwa regionalen Unternehmen maßgeschneiderte Fortbildungskurse an oder übernehmen die Qualifizierung von Berufschullehrern in Ost-und Mitteleuropa. Zu den interessantesten Merkmalen des dänischen Berufsschulsystems gehört, dass das vertraute Klassenzimmer ausgedient hat. Seine Funktion übernehmen in den 110 berufsbildenden Schulen des nordischen Königreichs "offene Lernräume", in denen alle Schüler ihren Arbeitsplatz besitzen. Dänemarks Berufsschulpädagogen verstehen sich weniger als Wissensvermittler, sie wachsen allmählich in die Betreuerrolle. Sie unterstützen die Schüler dabei, ihr Wissen zunehmend selbständiger zu erwerben. Häufig haben die Lehrer außerschulische Erfahrungen, waren zuvor in Betrieben tätig.

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