Zeitung Heute : Köpfchen statt Kraft

Einst verdrängte Lara Croft die gewaltfreien Denkabenteuer. Genau diese kniffligen Adventures kehren nun zurück

Benedikt Plass

Man mag es inzwischen vergessen haben, aber Adventure-Spiele hatten zu Beginn mehr mit Köpfchen als Kraft zu tun. Der Reiz dieser zumeist gewaltfreien Spiele lag gerade darin, kniffelige Rätsel zu lösen und selbst Teil der Handlung zu werden. Und genau diese Eigenschaften sorgen nun dafür, dass Adventure-Games ein Comeback feiern können.

Die allerersten Vertreter dieser Spielegattung basierten noch auf einer äußerst simplen Texteingabe und einer aus heutiger Sicht ebenso primitiven Darstellung. Das galt allen voran für die Titel der Spielefirma Infocom, die epische Text-Adventures wie „Zork“ (1980, Apple II) hervorbrachte. Das Sub-Genre „Action-Adventure“, das zusätzlich auf Gewalt- und Action-Elemente setzt, wurde erst 1996 durch Pop-Ikone Lara Croft und „Tomb Raider“ populär und verdrängte die Denkabenteuer ins Abseits. Action-Adventures sind heute immer noch höchst begehrt, was Videospiele-Verkaufsschlager wie „GTA Vice City“ beweisen. Doch langsam scheinen die Spieler wieder Gefallen an anspruchsvollen Rätseltiteln zu finden – für 2004 sind so viele Adventures angekündigt wie seit Jahren nicht mehr.

Spaß mit Larry Laffer

Der Amerikaner Al Lowe, nebenberuflich Jazz-Musiker, erschuf mit dem verschrobenen Charakter Larry Laffer einen der ersten massenkompatiblen Adventure-Helden: 1987 war „Leisure Suit Larry“ für DOS-PCs das Maß aller Dinge. Vor allem aufgrund der für damalige Verhältnisse spektakulären Optik und der unterhaltsamen Story. Die gestiegene Hardware-Leistung der Computer ermöglichte es, dass man den Pseudo-Frauenhelden Larry durch vorgezeichnete Umgebungen bewegte; das Grafik-Adventure war geboren. Erteilte man Larry noch Befehle, indem man bestimmte Wörter eintippte, erschufen die US-Entwickler von Lucasarts mit dem „Point & Click“- System einen neuen Standard: Bei „Maniac Mansion“ (1988, PC, später auch C64 und Amiga) schickte man seine Spielfigur mit simplen Maus-Klicks von links nach rechts und interagierte direkt mit der Umgebung. Eine Handvoll Befehle standen zur Auswahl, die man anklicken und miteinander kombinieren konnte. Lucasarts-Spiele wie „The Secret of Monkey Island“ (1990) erlangten Kultstatus unter den Besitzern von C64, PC und Commodore Amiga. Glühende Verehrer des Lucasarts-Oldies „Zak McKracken“ (1988) basteln derzeit gar an einer inoffiziellen Fortsetzung für den PC.

Das PC-Adventure „Myst“ markierte 1993 einen weiteren wichtigen Schritt in der Genre-Evolution. Erstmals bestaunte der Spieler echte 3D-Modelle: Die fotorealistischen Hintergründe wurden komplett vorberechnet („gerendert“), man konnte sich nur noch in vorgegebene Richtungen drehen und bewegen. Der Spieler erlebte das Geschehen durchgängig aus der Ich-Perspektive, bewegte den Mauszeiger über Objekte und löste durch Klicks an den richtigen Stellen Aktionen aus. „Myst“ verzichtete zudem fast vollständig auf ein Inventar mit Gegenständen. Trotz des ungewöhnlichen Konzepts und dem meditativen Spielerlebnis ist „Myst“ mit über neun Millionen verkauften Kopien weltweit bis heute eines der meistverkauften Computerspiele überhaupt. Der jüngste Teil „Uru: Ages Beyond Myst“ wurde Ende 2003 von Ubi Soft veröffentlicht.

Als Mitte der neunziger Jahre der Technologie-Sprung hin zu detaillierten 3D-Spielewelten stattfand und „Tomb Raider“ die typischen Adventure-Rätsel mit spektakulärer Baller-Action mischte, wurde es für die „Point & Click“-Abenteuer schwerer. Da die Entwickler den Trend nicht verpassen wollten, setzten selbst Hersteller traditioneller Adventures auf dreidimensionale Bilder. Die Lucasarts-Adventures „Grim Fandango“ (1998) und der vierte „Monkey Island“-Teil (2000) boten zwar fantasievolle Rätsel und vor Wortwitz sprühenden Dialoge, die neue 3D-Grafik nebst umständlicher Tastatur- Steuerung schreckte aber viele alte Anhänger ab. Die sinkenden Verkaufszahlen der Klick-Knobeleien und die rasant ansteigende Beliebtheit der Action-Adventures hielt daher in der Folgezeit viele Entwickler ab, neue Rätsel-Games zu programmieren. Zumindest bis jetzt.

Neues aus dem Hause dtp

Im Herbst 2002 veröffentlichte der deutsche Spieleanbieter dtp das von den alten Lucasarts-Adventures inspirierte PC-Spiel „Runaway“. Zwar kam hier sporadisch 3D-Technik zum Einsatz, die Steuerung wurde aber nahezu unverändert von den Klassikern kopiert. Die Spielergemeinde nahm „Runaway“ begeistert auf, das Spiel entwickelte sich zu einem „Longseller“; bis heute verkaufte dtp in Europa über 400 000 Exemplare. Seit dem unerwarteten Erfolg hat sich dtp zum zuverlässigsten Adventure-Lieferanten gemausert. Mit „Tony Tough“ für den PC brachte man im November 2003 einen weiteren gelungenen Genre-Vertreter auf den Markt, und allein in diesem Frühjahr erscheinen zwei neue Rätselabenteuer. Den Anfang macht am 11. März das knapp 40 Euro teure „The Westerner“, ein komplett in 3D gestaltetes Western-Adventure für den PC. Am 2. April kommt das düstere „Black Mirror“ (ca. 40 Euro), das sich vornehmlich an Horror-Freunde richtet: Der Spielablauf soll von mystischen Rätseln geprägt sein, hektische Action wird es keine geben. Dafür aber eine professionelle Anpassung für den deutschen Markt: Der Protagonist trägt die Stimme des deutschen Sprechers von Johnny Depp. Aber auch Lucasarts hat wieder Freude am Genre gefunden. Nach langer Durststrecke dürfen sich die Fans mit „Sam & Max: Freelance Police“ auf ein neues Adventure der Kultentwickler freuen. Ende des Jahres soll es für den PC veröffentlicht werden.

Weitere Informationen zum Thema:

www.allowe.com

www.adventurecorner.de

www.adventure-treff.de

www.blackmirror-game.de

www.just-adventure.com

www.runaway-game.de

www.thewesterner-game.de

www.zak2project.de

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