Zeitung Heute : Köpfe kontrollieren

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

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Elternengagement in der Schule ist manchmal ziemlich banal. Neulich schob ich einen Dampfsauger durch das Klassenzimmer, um den Teppichboden hygienisch aufzurüsten. Eine vernünftige Reinigung durch das Putzpersonal war dieser Auslegware bislang nicht widerfahren, die Klassenlehrerin hatte ziemlich angewidert berichtet: „Der Teppich lebt.“ Silberfischlein zischelten herum, und an den Scheuerleisten tummelten sich kleine Spinnen. Ob der elternaktivierte Dampf sie vertrieben hat, ist völlig unklar.

Aber was sollen wir uns vor harmlosen Silberfischlein und Spinnen ekeln. Es lauern in der Schule ja ganz andere Krabbelkaliber. Ich meine die fiesen Viecher, die sich auf der Kopfhaut niederlassen: Kopfläuse und ihren Nissennachwuchs. Vor denen graust es mir wirklich. Läuse suchen an Berliner Schulen sehr gern und immer wieder eine neue Heimstatt.

Nein, bei uns juckt es nicht, noch nicht – wer weiß. In Charlottes Mitteilungsheft stand vor Kurzem in großen Lettern geschrieben: Läusekontrolle, Unterschrift. Die Eltern sollten die Köpfe ihrer Kinder inspizieren und mit der Unterschrift die Lausfreiheit testieren. Der erste Fall in der Klasse war aufgetreten: Mitschülerin Tanja hatte die kleinen Parasiten mit zur Schule gebracht. Sie zählt aber nicht zu Charlottes innerem Hexenzirkel. Das beruhigte mich, denn Läuse springen nicht über, sie krabbeln nur. Sie sind auf den Körperkontakt ihrer Wirtsmenschen angewiesen.

Ich suchte trotzdem gewissenhaft das Blondhaar meiner Tochter nach den Tierchen ab. Strähne für Strähne habe ich auseinander gepopelt, aber von Läusen, Gottlob, keine Spur. Aber würde ich überhaupt eine Nisse erkennen? Die Beschreibungen im Gesundheitsbuch haben wenig geholfen. Spätestens in zwei Wochen wissen wir mehr; dann werden aus den nicht erkannten Nissen erwachsene, gut sichtbare Läuse geworden sein.

Zunächst hielt ich das Thema für erledigt. Charlotte nicht. In inquisitorischem Ton wollte sie wissen, ob wir auch ein Läusemittel haben. Wenn nicht, sollten wir sofort eins besorgen. Meinen Einwand, dass man bei Bedarf jederzeit, sogar spät in der Nacht, in einer Apotheke die Tinkturen bekommen kann, mochte sie nicht akzeptieren. Frau Meier, die Lehrerin, habe doch gesagt, dass man Läusemittel immer im Hause haben soll. Das müsse sogar ich verstehen.

Allein die Erwähnung von Läusen ruft bei manchen eine unglaubliche Panik hervor. Kollegin E. wird, nachdem sie diese Zeilen gelesen hat, mindestens vier Wochen lang einen Bogen um mich machen. Sie wird die Lehnen ihres Sofas saugen und chemisch bearbeiten, da ich vor einem guten halben Jahr mal zu Besuch war. Das Gesicht meines Mannes sprach Bände, als ich ihm von der Läusekontrolle erzählte. Die Monsterparasiten vor Augen sagte er: „Dann müssen Charlottes Haare sofort ab.“ Eigentlich sah er schon uns alle mit geschorenen Köpfen vor sich. Ich hielt das für übertrieben.

Aber wie steht es beim Ratgeber Ökotest? „Ein radikaler Haarschnitt ist besonders wirkungsvoll.“ Sigrid Kneist

Läusemittel gibt es auch rezeptfrei in der Apotheke. 75 Milliliter „Goldgeist forte“ kosten 7,54 Euro.

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