Zeitung Heute : Körbchengröße XXL

Totale Entstaatlichung will Martin Lindner von der FDP, Moderator Ulf Poschardt wird religiös, und Michael Prütz von den Linken lächelt masochistisch

Kerstin Decker

Der Staat als große Mutter, das ist doch mal ein Modell, ruft Dr. Martin Lindner. Er ist Vorsitzender der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und trägt einen roten Schlips. Der Schlips leuchtet im Einheitsgrau der Anzüge ungefähr so wie auf alten Bildern die rote Fahne überm Einheitsgrau der Arbeiterklasse. Dr. Martin Lindner schaut Michael Prütz triumphierend an. Prütz, auch ganz grau, ist Mitbegründer der WASG Berlin und hatte sich soeben melancholisch-gefasst zu der Maxime Viel-mehr-Staat-auch-in-Berlin-es-geht-nicht-anders! bekannt. Lindners Blick löst sich vom WASG-Mann und bleibt unter der Decke des PDS-Sitzungssaales im Berliner Abgeordnetenhaus haften. Lindner, in einer Art poetischer Extase, spricht jetzt über die mutmaßliche Körbchengröße der großen Mutter und legt dem Auditorium nahe, sich vorzustellen, wie das Volk an den XXL-Brüsten hängt. Das Publikum im PDS-Sitzungssaal schaut irritiert. Es ist zu einer Diskussion „Markt oder Marx? – Was heilt Berlin?“ erschienen und auf so viel mythologische Expressivität schlecht vorbereitet. Und dann noch von FDP!

WASG-Prütz hat den Blick von Menschen, die es gewohnt sind, unterschätzt zu werden. Er lächelt leicht masochistisch und macht dann wirklich, was der Moderator von ihm verlangt. Er zählt auf, unter welchen Bedingungen die WASG sich an einer Berlin-Regierung beteiligen würde: Keine einzige Privatisierung mehr! Berliner Wasserbetriebe zurückkaufen! Privatisierungsdrohungen rückgängig machen! Sozialticket für 18 Euro ... Ha! Ha! macht Lindner und verstummt dann doch. Solche großen Mütter mit solchen Brüsten gibt es doch gar nicht! Die spinnen ja, die Marxisten. Dabei sieht der Prütz normal aus, und selbstständig, kapitalistisch-ökonomisch gesehen, ist er auch. Also latent FDP-nah. Und Lindner mag die WASG irgendwie, sonst hätte er Prütz nicht eingeladen. Wie der vorhin formulierte, dass die Berliner „Regierung und wesentliche Teile der Opposition sich auf zutiefst provinziellem Niveau“ befänden – das hätte er, Lindner, nicht besser sagen können. Er hat das nur noch ein bisschen ausgeschmückt: Natürlich sei die PDS Wowereits treuer Vasall, schließlich haben die PDSler früher in ihren SED-Kreisleitungen gehorchen gelernt, und an die Spitze wählen sie zur Tarnung „immer irgendein Baby“. Prütz, der mit PDS-Wirtschaftssenator Harald Wolf in den 80ern in einer WG lebte, hört es stumm an. Schließlich ist er aus der PDS ausgetreten, als die mitregieren wollte. Lindner teilt seinem Opponenten nun mit, was mit Berlin passieren würde, wenn er was zu sagen hätte. Da würde das mit der Entstaatlichung erst richtig losgehen, fast alles sei zu verkaufen, die Wohnungsbaugesellschaften von ihm aus komplett. Zwei Sätze, und die große Mutter sieht aus wie eine Plastik-Beate-Uhse-Puppe, nachdem man die Luft rausgelassen hat. Vielleicht ist das die eigentlich metaphysische Entdeckung der FDP. Es gibt gar keine Mütter! In Wahrheit sind wir alle mutterlos, es kommt nur darauf an, das auszuhalten. Es könnte sogar schön sein. Lindner würde die Bürokraten aus den Büros kehren und die BVG privatisieren und sie einem unglaublichen Wettbewerb aussetzen. Wer die Bürokratie und die BVG kennt und das nicht wunderbar findet, muss ein Heuchler sein. Selbst in Prütz’ Blick leuchtet eine seltsam-fremde Euphorie. Dann wird Lindner wieder ganz philosophisch zumute: Wir wollen den Wettbewerb doch nicht als Selbstzweck, spricht er in den PDS-Sitzungssaal hinein, aber „der Profit ist nun mal das Salz in der Suppe“. Das menschliche Glück und der Profit gehören zusammen, denn „das Streben, mehr zu haben als der andere – das ist gesund, das ist menschlich!“ Der Moderator Ulf Poschardt besieht inzwischen den FDP-Mann wie das Exemplar einer seltenen Tiergattung und fragt: Sie sind doch Katholik? „Ja natürlich, ich bin ein guter Christ“, antwortet Lindner und versteht nicht, was die Frage soll. Die Linken im Saal schauen latent unerlöst. Prütz, der Marxist in der nichtmarxistischen WASG, guckt noch melancholisch-marxistischer als vorher. Nur Lindner schaut wie er selbst.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar