Zeitung Heute : Körperwelten

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Ob eine Niederlage Stress auslöst, hängt zu allererst davon ab, wie wichtig einem der Sieg gewesen wäre. Ist sie eng verbunden mit unserem Selbstwertgefühl, nimmt sie gar existenzgefährdende Züge an - oder wird sie zumindest vom Verlierer so interpretiert, dann ist die Niederlage allemal ein Stressor, ein Ereignis, das uns belastet, wenn es nicht gar zur Bedrohung wird.

Der Körper wird reagieren, wie er immer auf Stressreaktionen reagiert: Mit erhöhter Alarmbereitschaft. In solchen Belastungssituationen wird die Nebennierenrinde das Stresshormon Cortisol ausschütten, Ende einer Reaktionskaskade, die im Hypothalamus, einem Organ im Zwischenhirn, ihren Ausgang nahm. Der Cortisolschub treibt Puls und Blutdruck hoch, mobilisiert die Energievorräte des Körpers. Irgendwann aber erreicht der Stoff den Hypothalamus und bremst den weiteren Cortisol-Ausstoß.

In der Psychologie gelten Menschen, die Niederlagen stets auf sich selbst zurückführen, als depressionsgefährdet. Durchaus möglich aber, dass die Neigung zur Schwermut auch biologische Ursachen hat. Neben dem Mangel an den Botenstoffen Noradrenalin und Serotonin, der bei depressiven Patienten schon seit langem bekannt ist, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München nun herausgefunden, dass bei Depressiven offenbar auch die Cortisolbremse nicht funktioniert. Die Patienten weisen einen zu hohen Cortisolspiegel auf.

Im Verdacht, die Depression auszulösen steht dabei nicht das Hormon Cortisol selbst, sondern der Botenstoff CRH, mit dem der Hypothalamus die Hormonproduktion erst antreibt. Das CRH rufe im Gehirn Symptome wie Anspannung, Angst oder Traurigkeit hervor, erklärt Sieglinde Modell vom Max-Planck-Institut. Versuche, den Cortisol-Spiegel mit Medikamenten einzudämmen, indem man das CRH an der Ausbreitung hindert, mussten aber nach anfänglichen Erfolgen eingestellt werden. In zwei Fällen waren unerwünschte Nebenwirkungen aufgetreten.

Unerforscht ist nach wie vor, was letztendlich die Hormonproduktion durcheinander bringt. Die Fehlfunktion könnte genetisch bedingt sein, etwaige psychosoziale Ursachen der Depression sind damit aber nicht ausgeschlossen. Ebenso gut möglich zum Beispiel, dass sie erst mit einer entsprechenden Disposition zusammentreffen müssen.

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