Zeitung Heute : Kohle gegen Kohle

Großes Spektakel zu Ehren des großen Geldes: Schalke aus der Stadt der tausend Feuer verkauft sich an das Gas. Ein Fußballspiel, fast ohne Pfiffe

Sven Goldmann[Gelsenkirchen]

Es ist Samstagnachmittag, und natürlich spielen sie in der Arena auf Schalke das Steigerlied. Wie üblich in der jüngeren Vergangenheit nur ein paar Takte, ein paar Zeilen.

„… Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt schon angezündt. Das gibt einen Schein, und damit so fahren wir bei der Nacht, ins Bergwerk ein …“

Gelsenkirchen ist längst keine Bergarbeiterstadt mehr und Schalke 04 keine Bergarbeitermannschaft, war es schon in den 30er Jahren nicht mehr, als noch in der Glückauf-Kampfbahn gespielt wurde. Heute spielt Schalke in einer Hightech-Arena im Stadtteil Buer – und bringt nun noch einen Mythos unter den Rasen. Schalke 04, der Stolz des kleinen Mannes in der Stadt der tausend Feuer, dort, wo die Hochöfen niemals ausgingen: Schalke 04 verkauft sich an das Gas. Seit dem 1. Januar ist Gasprom Hauptsponsor des Fußballklubs. Eine Woche vor dem Start in die Bundesliga stellt sich der russische Energiekonzern in Gelsenkirchen vor und hat den Gegner zum letzten Testspiel gleich mitgebracht: Zenit St. Petersburg ist zu 75 Prozent in Gasprom-Besitz.

Gegeben wird ein großes Spektakel zu Ehren des großen Geldes. Der bis 2012 geschlossene Vertrag mit Gasprom bringt Schalke im Optimalfall bis zu 125 Millionen Euro. Wen interessiert die Kohle, wenn die Kohle stimmt? Es heißt, der jetzt dem deutsch-russischen Erdgasgeschäft verbundene Altkanzler Schröder habe den Deal vermittelt. Schröder, der Borussia-Dortmund-Fan. Zenit St. Petersburg ist die Lieblingsmannschaft seines Männerfreundes Wladimir Putin.

Natürlich ist die Arena ausverkauft. 61 482 Zuschauer. Die Arena ist immer ausverkauft, wenn Schalke spielt, außerdem wird es Zeit, dass die Winterpause zu Ende geht, denn nur ein Samstag mit Fußball ist ein guter Samstag. Schon in der U-Bahn singen die Fans Lieder über Dortmunder Hurensöhne, Kölner Scheißböcke und nach Fisch stinkende Bremer. Die Russen sind tabu. Wer so viel Geld mitbringt, wird erstens vor dem Spiel nicht beleidigt und zweitens im Spiel mit Nachsicht behandelt. Selten ist ein Gast auf Schalke so leise und liebevoll ausgepfiffen worden wie am Samstag Zenit.

Claus Bergschneider, der deutsche Statthalter von Gasprom, hat ein dezentes Programm versprochen, „mit wenig Getöse und viel Einfühlungsvermögen“. Was die Russen halt so unter dezent verstehen: spektakuläre Lichteffekte, Ballons, ohrenbetäubende Musik. Weißer Rauch legt sich über den Rasen, als das neue, das Schalker Trikot im Riesenformat gezeigt wird, „unser Mega-Trikot“, brüllt der Stadionsprecher, es reicht vom Videowürfel unterm Stadiondach bis auf den Kreidestrich im Mittelkreis. Wie gewohnt in Königsblau mit Schalker Emblem, dazu das Logo von „Gazprom“. Tausende dieser Leibchen werden unter den Fans verlost; die freuen sich.

Bei Gasprom freut man sich wiederum über den Zuspruch. Der Ruf des ehemaligen Staatskonzerns, immer noch mehrheitlich im Besitz der Russischen Föderation, hat zuletzt ein wenig gelitten. Jürgen Roth, Publizist und Experte für organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität, hat dem „Spiegel“ mal gesagt, Gasprom stehe „für Korruption, für eine gigantische Selbstbereicherung der früheren sowjetischen Nomenklatura, der neuen russischen Business-Elite und kriminellen Strukturen“. Gerade erst haben Weißrussland und die Ukraine zu spüren bekommen, wohin die Abhängigkeit von russischer Energie führen könnte. In der „Bild am Sonntag“ wirbt Gasprom ganzseitig damit, über ein Sechstel der weltweiten Gasvorkommen zu verfügen. Es soll wohl nicht als Bedrohung verstanden werden.

Ein Hubschrauber kreist über der Arena und dreht wieder ab, es wird nichts mit einem Überraschungsgast Putin. Jetzt wird Fußball gespielt. Marcelo Bordon schießt ein spektakuläres Seitfallziehertor. Ein paar Minuten später gleicht Zenit aus, die russischen Journalisten auf der Pressetribüne klatschen sich ab. Dann darf Kevin Kuranyi zur Abwechslung mal ein Tor schießen. Das Spiel plätschert vor sich hin, die Fans unterhalten sich mit La Ola. Dann pfeift der Schiedsrichter ab, sieben Sekunden zu früh. Schalke hat 2:1 gewonnen, der Stadionsprecher lädt noch ein zum Verweilen, verspricht „ein feuriges Showprogramm mit Vollgas“, aber die Masse verläuft sich schnell. „Kyrills“ Ausläufer wehen durch die Arena. Es ist kalt, die Zuschauer wollen nach Hause. Nach Gelsenkirchen, Solingen oder Sterkrade, in ihre hoffentlich vereinspolitisch korrekt erdgasbeheizten Wohnungen.

Die Kohle ist, symbolisch, ein paar Kilometer weiter östlich zu Hause, in Dortmund, wo der RAG-Konzern, früher Ruhrkohle, sieben Millionen Euro jährlich in den schwarz-gelben Schalker Lieblingsfeind Borussia investiert. Der Vorstandsvorsitzende der RAG heißt Werner Müller und war früher mal Wirtschaftsminister im Kabinett Schröder. Ob die Dortmunder Fans bald das Steigerlied singen?

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