Zeitung Heute : Kollektive Lebenslüge

Die Tour de France ohne Jan Ullrich – nach seinem Ausschluss wegen Dopings steht er unter Schock und mit ihm der ganze Radsport. Doch gestern jubelten die Zuschauer schon wieder. Das machen doch alle, sagen sie. Und wir schauen zu

Helmut Schümann

Möglich ist ja alles. Denkbar ist es, dass Jan Ullrich den blutdopenden Arzt Eufemiano Fuentes tatsächlich nicht kennt und man ihm etwa einen Liter Blut im Schlaf abgezapft hat. Dann, später, hat man Jan Ullrich, erneut im Schlaf, das Blut wieder zugeführt. So ist es auch bei den anderen 55 Radsportlern geschehen, von denen sich Blut in der Kühltasche des Radsport-Managers Manolo Saiz fand. Man weiß es nicht.

Denkbar auch, dass Jan Ullrichs Blut gar nicht vertreten war und sich irgendjemand nur einen Scherz machte, als er die Konserven mit Codes beschriftete und diese auf Ullrich bezog. Das wäre sogar beweisbar, ein DNA-Test könnte belegen, dass Ullrichs Blut ein ganz anderer Saft ist als der aus dem Kühlschrank. So ein DNA-Test ist für den Probanden keine große Sache, er muss sich dafür nur mit einem Wattestäbchen Abstriche aus der Mundschleimhaut nehmen lassen. Bisher hat Ullrich aber nur eingeräumt, dass er zu so einem Test bereit sei – nach der Tour de France. Abgegeben hat er diese Bereitschaftserklärung, bevor er von seinem Rennstall T-Mobile suspendiert wurde und bevor er von der Rennleitung der Tour de France, wie auch alle anderen Verdächtigen, von der Rundfahrt ausgeschlossen wurde. Nun ist die Tour für Ullrich ja vorbei, dem Test und damit möglichen Unschuldsbeweis steht nichts mehr im Wege. Von Ullrich ist aber diesbezüglich nichts mehr zu hören gewesen bis jetzt. Vielleicht hat er keine Zeit, man weiß es ja nicht. Er selber sagte, er stünde unter Schock, das allerdings glaubt man sofort. Mit Jan Ullrich nämlich steht ein kompletter Sport unter Schock.

So ein Start in das größte und bedeutendste und legendärste Radrennen der Welt ist gemeinhin ein gigantisches Spektakel. Endlich geht es los, endlich sprechen Muskeln, Herzen und Leidenschaften, endlich rollen die Räder und für alle Beteiligten auf und neben der Piste die Rubel. Man sieht beim Tour-Start nur lachende Gesichter. Gestern beim Prolog in Straßburg sah man im Fahrerlager vorwiegend lange Gesichter. Und einige gar nicht. Neben Jan Ullrich wurden auch so namhafte und verdiente Vertreter des Sports wie der Italiener Ivan Basso und die Spanier Joseba Beloki und Francisco Mancebo und andere ausgeschlossen. Was zur Folge hatte, dass das Astana-Würth-Team um den aussichtsreichen Kasachen Alexander Winokourow in Gänze vom Rad steigen musste, weil es nicht mehr die Mindestzahl von sechs Fahrern aufbieten konnte. Aber warum bloß kommt einem so gar nicht in den Sinn, dass dabei dann auch Unschuldige dran glauben mussten? Möglicherweise, weil es die nicht gibt im Radsport.

Was ist das nur? Der Radsport ist verseucht und nicht nur partiell, das ist nachweisbar, es scheint unabänderlich zu sein, und trotzdem streiten die Vertreter dieses Sports kollektiv jedwede Beteiligung an der Seuche ab. Im Falle Ullrich spricht T-Mobile von Telefonaten und SMS, aus denen eindeutig hervorgehe, dass Rudy Pevenage, der sportliche Leiter des Teams und persönlicher Betreuer und Berater Ullrichs sowie der Teamkollege Oscar Sevilla eindeutig Kontakt mit dem verdächtigen Arzt Fuentes hatten. Bei dem Gespräch Pevenages mit Fuentes wurde codiert über Jan Ullrich geredet. Und alle sagen: Fuentes, wer ist das, kennen wir gar nicht. Und das erklären sie sogar schriftlich.

Die ermittelnden spanischen Polizeibeamte gaben am Samstag eine sichergestellte Liste an die Öffentlichkeit, in der vier Mal ein Zusammenhang zwischen dem Codenamen „Jan“ mit manipulierten Blutkonserven und Wachstumshormonen hergestellt wird. Und Jan Ullrich sagt, er habe mit der Sache nichts zu tun. Was ist das bloß? Chuzpe, Abgefeimtheit, kriminelle Energie? Man kann das gleiche Phänomen immer wieder im Sport finden. Als der vielfachen Olympiasiegerin Kristin Otto lange nach der Wende und lange nach ihrem Karriereende lückenlos nachgewiesen werden konnte, dass sie gedopt in den Olymp der Schwimmer aufgestiegen war, stritt sie dennoch weiterhin hartnäckig irgendeine Beteiligung ab. Sie vertrat diese irrige Haltung mit offenen Augen und großer Glaubwürdigkeit und ebensolcher Sympathie. Kristin Otto geht jegliche Chuzpe ab, Abgefeimtheit ist ihr nicht vorzuwerfen und kriminelle Energie erst recht nicht. Eine große schauspielerische Leistung also?

Auch im Gespräch mit Jan Ullrich kommt kein Argwohn auf. Im Gegenteil, gerade in dieser Saison. Da war Jan Ullrich offen und freundlich und selbstbewusst und wie befreit von einer Last. Klar, der große Konkurrent und Langzeitverdächtige Lance Armstrong hatte seine Karriere beendet, das mag befreien. Er hat dann auch noch vorige Woche fröhlich und glücklich verkündet, dass er seine Freundin Sara nach der Tour heiraten wolle. Aber dennoch: Wie funktioniert das, dass man so arglos auftritt und hat im Hinterkopf möglicherweise immer auch die Angst vor der Enttarnung? Sitzen Sportler wider besseren Wissens der eigenen Lebenslüge auf? Oder ist das so eine Art Befehlsnotstand, der das Unrecht insgeheim und sehr persönlich legalisiert: Ihr Zuschauer, ihr Medien befehlt, wir gehorchen nur?

Jan Ullrich, jetzt 32, fährt nahezu sein ganzes Leben Rad. Er war Amateur-Weltmeister, und als er 1996 bei der Tour debütierte, wurde er auf Anhieb Zweiter. Er war Zeitfahr-Weltmeister und Tour-Sieger und immer wieder Zweiter und Olympiasieger und dabei entweder immer sauber, oder er kann das Gegenteil nicht zugeben. Das kann man sich ja gut vorstellen, dass man eine Leistung nicht nachträglich geschenkt bekommen möchte, zumal diese Leistung, ob mit oder ohne Doping, Qual und Leiden ist. Vielleicht ist dieses Phänomen des Sports ein bisschen zu vergleichen mit der geklauten Examensarbeit oder einem erschlichenen Doktortitel. Wenn danach die entsprechende Leistung gebracht wird, rechtfertigt sich manch einer doch auch den Betrug. Oder er betrügt, wie im Falle manches Sportlers, munter weiter.

Gestern in Straßburg waren beim Start rund um die langen Gesichter der Fahrer viele fröhliche Gesichter zu sehen. Die Zuschauer nämlich wollen nicht lassen vom Spektakel, sie wollen auch mehrheitlich nichts wissen vom Betrug, oder er ist ihnen egal. Bei der Skandal-Tour von 1998, als das Festina-Team um den französischen Nationalhelden Richard Virenque ausgeschlossen wurde und phasenweise sogar das gesamte Rennen gefährdet schien, mussten sich die Berichterstatter auch immer wieder der Verbalattacken der Zuschauer erwehren, und dem Vorwurf, dass sie es wären, die den Sport zerstörten. Auch Virenque stritt seinerzeit jegliche Beteiligungen an Doping ab, zwei Jahre lang, nahezu täglich. Dann brach er vor Gericht weinend zusammen und gab langjährige Dopingpraktiken zu.

Aber auch dies: Gestern im Elsass war die Begeisterung wieder einmal ebenso groß wie die grundsätzliche Gleichgültigkeit über die kollektive Versumpfung des Sportes. „Ist mir egal“, „das machen doch alle“, das sind die Kommentare am Wegesrand. Wenn die Zustimmung doch so groß ist, ist es nachvollziehbar, dass das Unrechtsbewusstsein so klein ist.

Dabei sind es ja keine Kleinigkeiten, mit denen der Radsport manipuliert. Bis zu seiner Nachweisbarkeit im Jahr 2000 hatte das Hormon Erythropoetin (Epo) die Pedaleure im Griff. Epo verbessert den Sauerstofftransport im Blut, was zwar die Ausdauerleistungsfähigkeit erheblich erhöht, aber eben auch erhebliche gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann. Nun ist Blutdoping der Renner. Dabei wird dem Körper etwa einen Monat vor dem Wettkampf ein Liter Blut abgezapft. Kurz vor dem Wettkampf wird das Blut wieder zurück gepumpt, was die Zahl der roten Blutkörperchen enorm erhöht, und diese kleinen Körperchen sind es, die die enormen Leistungen ermöglichen. Das ganze Procedere wird mit Eigen- oder mit Fremdblut gemacht, und hat neben dem Tour-Sieg möglicherweise auch allergische Reaktionen, Nierenschäden, Schockzustände, Fieber, Gelbsucht oder Hepatitis zur Folge. „Ist mir egal“, „das machen doch alle“? Und wir schauen zu.

176 Fahrer machten sich gestern auf den Weg, der am 23. Juli in Paris enden soll. Es waren mal 198 Fahrer vorgesehen, und über die Abwesenden gaben sich die meisten mit Starterlaubnis empört. Die Wut hatte zwei Ziele. Da ist zum einen der Kollateralschaden, der von den Einzeltätern für das Gesamtwerk verursacht wird. Aber auch dieser Reflex, der die Radprofis mit tiefer Trauer überkommt, dass ihr schöner Sport wieder in die Schlagzeilen gerät, ist eben nur das: ein Reflex, ein Abwehrreflex, der nichts über die tatsächliche und reale Befindlichkeit der Szene aussagt. Das gilt auch für das zweite Ziel der Wut. Das ist die vorgegebene Enttäuschung über die Kollegen, die die anderen, es heißt dann immer, die große Mehrheit, die Ehrlichen, übers Ohr gehauen haben. Die große Mehrheit, die meint dann auch Bernard Hinault, der frühere Grande der Tour und heutige Sprecher der Rundfahrt. 500 Fahrer würden fahren, sagte er, 50 seien verdächtig, keineswegs der gesamte Peleton. Es wundert indes nicht mehr, dass die Empörung nur so weit reicht, bis der Empörte selbst erwischt wird. Das war bei Marco Pantani so, bei Richard Virenque, und auch Jan Ullrich gab sich immer wieder erschrocken über die vermeintlich schwarzen Schafe.

Vielleicht ist er ja ein weißes. Bislang liegen keine Beweise vor, dass Ullrich gedopt hat, bislang gibt es nur eine Indizienkette, dass er im Netz verstrickt ist. Die Kette aber wird dichter. Dann ist Ullrich einer von vielen. Und wenn ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender nun sogar einen positiven Aspekt in dem Skandal sieht und sagt, „erst recht übertragen wir ein Rennen mit gesäuberten Ställen“, dann drückt das mindestens seine Naivität aus, möglicherweise aber auch die kollektive Haltung des Radsports und seiner Anhänger. Die Tour de France 2006 ist, mit oder ohne Ullrich, mit oder ohne Ivan Basso und den anderen Ausgeschlossen, so dopingverseucht, wie sie es all die Jahre zuvor war. Kommt mal wieder etwas raus, ist das Entsetzen groß, gerade so, als habe es all die Jahre zuvor nicht gegeben. Auch die Sache mit den Schafen ist so nicht richtig. Schwarze Schafe, die bilden ja stets die Ausnahme. Im Peleton ist es indes so: Möglicherweise gibt es darin ein paar schwarze Schafe. Man sieht sie nur selten, sie fahren nicht an der Spitze, sie sind zu schlecht. Das sind dann die, die am Ende der Besenwagen aufsammelt.

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