Zeitung Heute : Kolonie Alexandrowka: Ein Stück Russland in Potsdam

Claus-Dieter Steyer

Der Blick durch die offene Tür zeigt den ganzen Schwindel. Das ist gar kein Blockhaus, schon gar kein russisches. Auf ein ganz gewöhnliches deutsches Fachwerk wurden lediglich gewölbte Dielenbretter geschraubt. Doch die Imitation gelang perfekt. Dank der verschnörkelten Säulen, der mit Schnitzereien verzierten Balkons, der aufwändigen Ornamente der Giebelbretter und der Fensterläden täuscht die Fassade selbst Kenner der russischen Architektur. "Solche wunderbar erhaltenen Blockhäuser gibt es in meiner Heimat nur noch selten, höchstens als Museum", staunte der ahnungslose Freund aus Moskau.

Die Überraschung war gelungen. Doch nicht nur Besucher aus dem früheren Sowjetreich stehen in Potsdam oft fragend vor der Russischen Kolonie Alexandrowka und der gleich dahinter leuchtenden Alexander-Newski-Gedächtniskirche. Trotz des ganz in der Nähe gelegenen Parks der vorjährigen Bundesgartenschau gehört Alexandrowka nach wie vor zu den Geheimtipps im offensichtlich ganz vom Park Sanssouci dominierten Potsdam. Doch ein Abstecher lohnt sich allein schon wegen der verzwickten Geschichte, des etwas merkwürdigen Baustils und einiger Familien, die noch von den ursprünglichen Bewohnern abstammen.

Das Innenleben der Blockhaus-Plagiate ist im Moment sehr gut am Haus Nummer 1 zu erforschen. Es steht zentral in dieser Siedlung mit insgesamt 14 Gebäuden im Stil russischer Militärdörfer. Jene Nummer 1 baut eine Bank zu einer Teestube um. Mitte des Jahres soll die lang ersehnte große Eröffnung steigen. Die Neugierigen müssen derzeit für ihre Blicke ins Innenleben eines solchen Hauses nicht unbedingt auf die Baustelle. Der Blick durch die offenen Türen und Fenster zeigt bereits einiges.

Früher wohnte hier der Aufseher der Kolonie, weshalb das Haus direkt im Mittelpunkt der Anlage steht. Vom Balkon bot sich der beste Blick auf die ihm anvertrauten Untertanen. Das ist schon der entscheidende Hinweis auf die Geschichte der Alexandrowka. Die kann derzeit nur in Broschüren oder Reiseführern nachgelesen werden. "Erst im nächsten Jahr sind wir mit unserem Museum fertig", sagt Hermann A. Kremer aus Haltern im Ruhrgebiet. Der Frauenarzt hat zwei Häuser gekauft. Eines konnte nach der Restaurierung schon wieder vermietet werden. An dem Gebäude des künftigen Museums weisen Aufkleber auf laufende Untersuchungen durch Studenten der TU Berlin hin. Bald stehen hier Gerüste. "Teestube und Museum werden sich bestimmt gut ergänzen", meint der Hauseigentümer.

An genügend Geschichte und Geschichten dürfte es ohnehin nicht fehlen. Kurios mutet schon die Entstehung von Alexandrowka an. Friedrich Wilhelm III. (1770 bis 1840) hatte sich bei seiner Flucht vor Napoleon an den russischen Zarenhof in die melancholischen Lieder russischer Sänger regelrecht verliebt. Doch im Friedensvertrag von Tilsit 1807 musste sich der Preußenkönig dem Diktat Napoleons beugen und ein Hilfskorps für den Kampf gegen den eigentlich zaristischen Freund stellen. Von seinen Feldzügen brachte Generalleutnant York 500 russische Gefangene heim. Der König ließ aus dieser Beute gleich einen Soldatenchor aufstellen.

Doch das Blatt wendete sich bekanntlich. Nach den Niederlagen des französischen Feldherren waren die russischen Sänger zwar keine Gefangenen mehr, doch der König wollte seinen Chor nicht aufgeben. Der Zar erfüllte ihm den Wunsch und stockte den Chor 1815 sogar durch weitere leibeigene Soldaten auf. Ende 1826 waren 13 Blockhäuser für die Familien der Sänger fertig. Das 14. entstand wenig später in der Nähe des orthodoxen Gotteshauses für den Kirchenvorsteher. Am 2. April 1827 wurde drei Tage lang Einzug gefeiert.

Spaziergängern fällt heute die Großzügigkeit der vom Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné gestalteten Anlage auf. Der Blick über den Gartenzaun klärt auf. Mit einem Stück Acker, einem großen Garten und einer Kuh sollten sich die Kolonisten zu einem gewissen Teil selbst verpflegen. Doch laut alter Aufzeichnungen müssen die Chorsänger nicht gerade talentierte Bauern gewesen sein. So manche Familie verdiente sich durch die Vermietung einiger Zimmer an Berliner Sommerfrischler ein Zubrot.

Auch mit einer anderen Vorschrift hatten die Bewohner ihre liebe Not. Nur wenn das erstgeborene Kind ein Junge war, konnte die Familie nach dem Tod des Vaters in dem Haus weiter leben. Die Russen halfen sich mit einem Trick und tauschten ihre neugeborenen Knaben aus - bis der Kolonievorsteher die List bemerkte. Fortan wurden Geburten in Alexandrowka überwacht.

In zwei Häusern leben heute noch direkte Nachkommen der ersten Bewohner. Die Grigorieffs (Haus 7) und die Schischkoffs (Haus 11) dokumentieren diese lange Familiengeschichte mit Namensschildern an der Fassade. Eine andere Familie hat dagegen diese Schilder in die Fenster gestellt: "Betrogen, Verraten, Verloren, Verkauft?". Sie wehrt sich gegen einen vom neuen Eigentümer geforderten Auszug.

Von diesem Haus führt ein Wanderweg zunächst über die Gleise der Straßenbahn und dann zu einem steilen Anstieg auf den Kapellenberg mit der einst ausschließlich für die geistliche Betreuung der russischen Kolonisten gebauten Alexander-Newski-Kirche. Der knapp 500 Meter lange Abstecher sollte unbedingt zum Programm gehören. Denn solch einen Bau gibt weit und breit nicht ein zweites Mal. Die Entwürfe sollen die besten Künstler am Zarenhof gezeichnet haben, die Friedrich Schinkel mit seinen Vorschlägen noch ergänzte. Vorbild war eine heute nicht mehr existierende Kirche in Kiew, so dass wirklich von einer einmaligen Kirche gesprochen werden kann. Am 10. Juli 1829 wurde sie geweiht.

Mit etwas Glück trifft der Besucher auf Erzpriester Anatolij Koljada. Er betreut seit 1986 die Potsdamer orthodoxe Kirche. "Die rund 1000 Mitglieder zählende Gemeinde ist direkt dem Kirchlichen Außenamt in Moskau untergeordnet", erzählt Erzpriester Koljada. Seine Gemeinde finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Die Kirche steht Menschen jeden Glaubens offen.

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