Kolumne "Anhalter Bahnhof" : 100 Prozent Kulturforum

Am 14./15. Juni feiern die Berliner Philharmoniker mit allen Anrainer-Museen ein großes Fest am Kulturforum. Und was passiert danach? Wird die Brache im Herzen der Hauptstadt endlich umgestaltet? Pustekuchen!

Blick auf die Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum
Blick auf die Gemäldegalerie am Berliner KulturforumFoto: Mike Wolff

Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein: Nach nur vier Jahren Planungsphase feiern an diesem Wochenende auf dem Kulturforum erstmals alle Anrainer gemeinsam ein zweitägiges Fest. National- und Gemäldegalerie, Staatsbibliothek und Kupferstichkabinett, Musikinstrumentenmuseum, St. Matthäuskirche und Ibero-Amerikanisches-Institut sind geöffnet und locken nicht nur mit ihren Ausstellungen, sondern auch mit Sonderveranstaltungen, von Führungen hinter den Kulissen über Modenschauen junger Designer bis hin zur Tangonacht auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie. Auf einer Open-Air-Bühne, die vor dem Kammermusiksaal stehen wird, spielt am Samstag Klaus Doldinger mit seiner Band Passport und am Sonntag Simon Rattle mit seiner Philharmonikertruppe, jeweils für bis zu 10 000 Zuhörer, es gibt eine Orgelwanderung mit dem neuen Tastenstar Cameron Carpenter und die Uraufführung eines Stücks für 1000 Stimmen auf der Piazzetta.

Und wenn die kunsthungrigen, unternehmungslustigen, eventgierigen Berliner am 14. und 15. Juni dann die allerletzten Reste lebendigen Grüns auf dem Kulturforum niedergetrampelt haben werden, startet tags darauf endlich die gärtnerische Umgestaltung der Freiflächen zwischen Philharmonie-Areal und Landwehrkanal.

Ha, ha, ha, ein super Witz! Denn natürlich geht am Kulturforum nach dem Juni-Fest überhaupt nichts los, genauso wenig wie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Der Gartenanlagenspezialist des Bezirksamtes Mitte verweist auf die „Grün Berlin GmbH“, die ihrerseits darum bittet, doch direkt bei der Abteilung II der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nachzuhaken. Dort ist zu erfahren, dass der 1998 (!) prämierte Entwurf des Büros Valentien + Valentien für die Freiraumgestaltung weiter im Rennen sei. 2014 aber werde er definitiv nicht mehr umgesetzt. Vielleicht 2015, falls Geld von der EU kommt, vielleicht später.

Vielleicht nie? Liebe Mitbürger, wenn sich an diesem zentralen Platz der Hauptstadt irgendwann noch einmal irgendetwas zum Besseren wenden soll, dann brauchen wir jetzt einen Volksentscheid: 100 Prozent Kulturforum! Die Politik muss mit Unterschriftengewalt gezwungen werden, endlich zu handeln, aus der Brache eine Agora zu machen, einen urbanen Treffpunkt, einen Ort mit Aufenthaltsqualität, den man nicht nur möglichst schnell überquert, um ins Konzert oder ins Museum zu kommen. Wär’ das schön: etwas Italianità statt Berliner Wildwuchs und Brache.

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