Kolumne: Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Auge in Auge mit Jehovas Zeugen

Ich würde nie in eine Sekte eintreten, schon gar nicht bei Jehovas Zeugen.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Bevor Sie jetzt sagen, waaas, die gibt’s doch gar nicht mehr: Doch, die gibt’s noch. Nur sind sie uns ein bisschen aus dem Gesichtskreis gerutscht, weil alle so schwer beschäftigt sind – die Politik mit dem mündigen Bürger, der mündige Bürger mit der Straße, die Straße (in Berlin) mit den Radwegen (in Berlin), die Radwege mit den Hundehaufen, mit den Hundebesitzern, mit den Neu-Vätern, mit den Fahrradkurieren, mit den unmündigen Migranten … und so schließt sich der Kreis immer ganz knapp vor der Politik. Unlängst säbelte ein Neu-Vater samt Doppelbuggy mein ordnungsgemäß angeleintes Fahrrad um, und zwar mit Absicht und Karacho, und während ich noch überlegte, ob ich mich innerlich mündig oder unmündig fühlte, rief eine höchstens 16-Jährige hinter mir: „Diese Scheiß-Papis gehören alle kastriert!“ Dieselbe Jugend geht heute für eine bessere Welt auf die Straße und lässt sich von Trillerpfeifen das Trommelfell zerreißen und von Wasserwerfern die Klamotten. Und kennt keine Jehovas Zeugen mehr, sondern nur noch Miley Cyrus oder Taylor Momsen, für die braucht man nämlich kein Trommelfell.

Vor ein paar Tagen, ich machte mich gerade fertig fürs Büro, klingelt es. Ich öffne die Tür, das Fahrrad bereits in der Hand und meine Windstopper-Gesichtsmaske angelegt – und blicke in vier freundlich bebrillte Augen. Die Weiblein sahen aus, als wollten sie mir einen Henkelmann mit Buchstabensuppe überreichen. „Da sind Sie jetzt aber überrascht, dass Besuch da ist!“, frohlockte die Größere, „wir möchten mit Ihnen über ein paar wichtige Fragen des Lebens sprechen.“ Schon waren sie drin und hatten mich in die nächste Sitzgelegenheit bugsiert.

„Was liegt Ihnen auf der Seele?“, fragte die Große, während die Kleine lächelnd Bücher, Zeitschriften, Prospekte und DVDs drapierte. „Wer ist schuld: Wir oder unsere Gene? Zahlen wir zu viel Steuern? Am liebsten Pizza! Pollen: Plage oder Wunder? Wie kann ich homosexuelle Handlungen vermeiden? Adam und Eva: Haben sie wirklich gelebt?“

Ich dachte, dass Steuern und Pollen mich interessieren würden und dass ich schon wieder zu spät ins Büro kam. Die Große forschte in der maskenlosen Hälfte meines Gesichts, als könnte sie Gedanken lesen: „Was würden Sie Gott gerne fragen?“ Ich rappelte mich hoch und murmelte, indem ich an meiner Maske zerrte, deren Klettverschluss sich blöd verhakt hatte, dass Gott meines Wissens tot sei. Das müssen die Zeuginnen Jehovas dramatisch missverstanden haben, hastenichgesehen ließen sie ihr Lächeln fallen, rafften ihren Kram zusammen und waren wieder draußen. Meine Maske ist schwarz mit roten Steppnähten und lässt Augen, Stirn und Haare frei. Wahrscheinlich dachten die beiden, dass ich einer militant-muslimischen Sekte angehöre, die Frauen bei eisigen Temperaturen als vermummte Sexobjekte auf Rennrädern durch die Stadt scheucht. „Vermummungsverbot!“ ruft mir übrigens schon lange keiner mehr nach. Aber wahrscheinlich weiß auch keiner mehr, wer Helmut Kohl war, der dieses Verbot unter § 17 Abs. 2 Versammlungsgesetz am 28. Juni 1985 im waas? häääh? deutschen Bundestag verabschiedete.

Die Welt wird eben immer dümmer und roher. Am vergangenen Wochenende hat in Frankfurt am Main ein Zeuge Jehova einen anderen Zeugen Jehova erstochen. Nach einem Streit am gemeindeeigenen Kuchenbüfett. Mit dem Kuchenmesser. Seufzend blättere ich in der Ausgabe des „Wachtturm“, den meine Damen auf ihrer Flucht im Treppenhaus verloren haben. Aktueller Themenschwerpunkt: „Wie stehen Christen zum Einbalsamieren?“

An dieser Stelle wechseln sich ab: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Elena Senft und Moritz Rinke.

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