Kolumne: Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Wie ich richtig telefonieren lernte

Ich würde mir nie ein iPhone zulegen. Dachte ich.

Weil alles Technische bei mir grundsätzlich keine Glücksgefühle auslöst. Und weil ich noch nicht einmal einen Billigwäscheständer auseinanderklappen kann, ohne mir wehzutun, und zwar richtig. Strandkörbe versetzen, Leitern tragen, Schlafsofas zu Betten umbauen, das ist alles nichts für mich. Ich bin das willige Dienstleistungsgesellschaftsobjekt, sogar fürs Aufpumpen eines platten Fahrradreifens würde ich noch bezahlen. Ehrlich.

Das kann man jetzt snobby finden oder faul oder dämlich. Ist es aber nicht. Die Kohorten guter Geister nämlich, die ich zur Bewältigung des Alltags bräuchte, kann ich mir gar nicht leisten. Also lasse ich vieles einfach weg. Zur Not fährt ein Fahrrad auch auf Felgen, denken Sie an die „Familie Feuerstein“, Yabba Dabba Doo! Und überhaupt: Bill Gates und Warren Buffett können mir nur leid tun. Dieses ganze hurenkomplizierte Stiftungsgewese, das man beherrschen muss, um sein Vermögen halbwegs verantwortungsvoll wieder los zu werden und zu den Kernkompetenzen des Lebens, dem Wenigen, Einfachen, Nackten, vorzudringen – damit brauche ich mich nicht zu belasten. Weil ich ein weniges, einfaches und nacktes Leben führe. Wie Karl Rabeder. Der Österreicher hat sein Geld mit Christbaumkugeln gemacht und gerade alles verschenkt, Villen, Flugzeuge, ratzeputz zum Fenster raus. Mit 1000 Euro pro Monat in einer Zweiraumwohnung will er nun endlich wieder „fröhlich“ sein.

Ich war gar nicht fröhlich, als mein altes Handy seinen Geist aufgab. Zwar ließ sich der ins Gehäuse eingebrochene Startknopf nur mehr mit einer Stricknadel betätigen, aber Telefonieren ging noch, was wollte ich mehr. Außerdem wird mein Horror vor dem Aufklappen von Wäscheständern noch um Lichtjahre vom Horror vor dem Einrichten elektronischer Geräte übertroffen. Bei meiner Mutter hatte sich einmal die Frequenz für den TV-Sender Arte geändert. Mein Versuch, mit der neuen Frequenz, wie gewünscht, den alten Programmplatz zu belegen, endete, nun ja, streitlüstern. Ich behauptete, sie würde doch sowieso nie Arte gucken, und sie behauptete, in diesen Dingen sei ich schon als Kind vollkommen hysterisch gewesen, voll-kom-men hys-te- risch, von wem du das nur hast.

Jetzt jedenfalls habe ich ein iPhone. Weil es so glatt und kühl in der Hand liegt, weil es so schön ist. Die Firmenideologie von Apple verlangt nun, dass man diesesTelefon an seinem persönlichen Apple-Rechner „konfiguriert“. Mal abgesehen davon, dass mir Wörter wie „konfigurieren“ den Schweiß auf die Stirn treiben, hatte ich Glück: Immerhin habe ich einen Apple-Rechner, nur ist dieser schon etwas älter, und da ich alle Updates konsequent wegklicke, konnte der Rechner das Telefon eben nicht kon-fi-gu-rie-ren. Das fängt ja super an, schrie ich, während mir der Farbige auf der Apple-Homepage die „basics“ des iPhones 3GS anpries, das so viel mehr sei als bloß ein Telefon. Ich will aber bloß te-le-fo-nie-ren, brüllte ich, ich will weder Filme drehen noch Kalorien zählen noch Vuvuzela spielen! Ich. Will. Das. Alles. Nicht. Ich will nicht, dass irgendwelche kalifornischen Billionäre mein weniges, nacktes Leben mit sinnlosen Applikationen zupflastern.

Irgendwie habe ich mein neues Handy schließlich doch eingerichtet gekriegt. Was soll ich sagen: Ohne Standard-Äpps wie die iCurrywurst oder Talking Tom Cat („Tom ist Ihr Haustier, das auf Ihre Berührungen reagiert …“) bin ich nicht mehr ich selbst. Noch vor Weihnachten, heißt es, will Steve Jobs das iPad „Slim“ auf den Markt bringen, ein Mittelding zwischen iPhone und iPad. Da sollen dann endlich auch Äpps zum Wäschetrocknen und Leiterntragen verfügbar sein.

Hier schreiben im Wechsel: Moritz Rinke, Elena Senft, Christine Lemke- Matwey und Jens Mühling.

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