Kolumne: Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Wo die echten Kerle wohnen

Früher hätte man mich mit Kerlen jagen können. Heute jage ich selber welche, ganz diskret, versteht sich, echte Kerle, Pfundskerle, wie man in Bayern sagt, Mannsbilder, Männer mit Mumm in den Köpfen und Knochen.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Ich bin sozusagen auf Kerle-Schau, jedes Exemplar wird gesichtet und zertifiziert, wie beim sibirischen Tiger, der stirbt ja auch gerade aus.

Und das kam so. Eine Einladung zum Essen, der Mann ist Künstler, das Lokal italienisch. Ich hatte Kopfschmerzen, und noch während ich mein Fahrrad anleine und mir vornehme, höchstens ein kleines alkoholfreies Bier zu trinken und früh wieder zu gehen, sehe ich ihn drinnen schon tafeln. Vor sich ein Glas Champagner, in Reichweite mehrere dekantierte Weinflaschen, den „Gruß aus der Küche“, was immer es war, vertilgt, der Brotkorb halb leer.

Kaum setze ich den Fuß über die Schwelle, fliegt er mir strahlend entgegen, diese Vorspeise MÜSSEN Sie, mampf, probieren, hmmm, göttlich! Auf dem Teller liegt etwas, das aussieht wie Vitello tonnato, nur besser, eigentlich esse ich kein Fleisch, also fast keins. Ich schaue vom Teller auf in zwei leuchtende Augen über zwei roten Backen und beschließe, diesen Satz jetzt nicht zu sagen: Eigentlich esse ich kein Fleisch. Erstens um nicht blaustrümpfiger als nötig zu wirken, zweitens spricht man mit vollem Mund nicht. Das Vitello war nämlich schon drin (mit Schampus runtergespült wirklich exzellent). Der Abend endete fröhlich und feucht, statt „Hallo“ sagen wir jetzt immer „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ zueinander, und auf dem Nachhauseweg hatte ich die Idee mit der Kerle-Liste.

Ohne Kerle und sibirische Tiger ist die Welt blaustrümpfig.

Auf der Liste stehen drauf: besagter Künstlerfreund, Louis van Gaal, Hans-Peter Friedrich (aber nur als Oberfranke und weil er so aussieht wie Heribert Prantl), Mathias Döpfner und unser Installateur. Dass das nicht viele sind, weiß ich selber. In einer Zeit, in der das Hermaphroditische, ja Schwindsüchtige regiert und Männer sich an Bücher wie die „Anleitung zum Männlichsein“ klammern, hat es der Kerl als Kerl eben schwer. Lieb sein und aufmerksam und fürsorglich und stark und gewitzt und klug (und nett betucht, hehe) – und trotzdem den Chromosomenstand nicht verleugnen, wer schafft das eigentlich noch. Irgendwie, der Verdacht ist nicht neu, war die Emanzipation der Frau auch ein kapitaler Schuss in den Ofen.

Diese Kolumne zum 100. Internationalen Frauentag am 8. März darf nicht enden, ohne auf zwei bahnbrechende wissenschaftliche Studien zu verweisen. Biologen von der Trinity University in San Antonio haben jetzt herausgefunden, warum sich männliche Haubenkapuziner- und Mantelbrüllaffen so gern mit Eigen-Urin einreiben: Das darin enthaltene Testosteron macht die paarungswilligen Weibchen wuschig, es „informiert“ sie, wie es korrekt heißt, über den „sexuellen und sozialen Status“ der Männchen. Im holländischen Twente wiederum wissen Psychologen neuerdings, dass Menschen mit vollen Harnblasen vernünftigere Entscheidungen treffen als Menschen mit leeren: Die nötige Körperbeherrschung, um nicht in die Hose respektive ins Höschen zu pinkeln, reduziert den Reflex, stets auf dem kürzesten, ergo kurzsichtigsten Weg ans Ziel gelangen zu wollen. Und zwar drastisch.

Ich bin weder Psychologin noch Biologin, aber über Harndrang weiß ich Bescheid. Logische Schlussfolgerung: Frauen, da sie weder Büsche noch Laternenpfähle kennen, sind von Natur aus vernünftiger. Lage und Anzahl der D-Toiletten in öffentlichen Gebäuden bestätigen das gerne. Und das bisschen Urin, du lieber Himmel! So ein schnuckeliges echtes Kerlchen wird eine echte Frau ja wohl noch stubenrein kriegen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Jens Mühling, Elena Senft, Christine Lemke-Matwey und Moritz Rinke.

Autor

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