Kolumne: CHRISTINE LEMKE-MATWEY graut’s vor gar nichts : Bachblütenkaugummis statt Fußball-WM

Ich würde ja nie in eine Wohngemeinschaft ziehen.

Schon gar nicht in eine, in der es null Internet und keinen Handy-Empfang gibt und in der Fernsehschauen nur geht, indem man sein Laptop mit einem Spezialstick penetriert, an eine Spezialantenne anschließt und das Ganze mit Spezialkabellagen und viel Zureden nach draußen auf die Gartenbank bugsiert. Drinnen im Haus sind nämlich die Mauern zu dick. Und das alles zur WM.

Stell dir vor, in Südafrika ist WM und du lebst auf’m Dorf.

In genau so einer WG wohne ich gerade (die Gründe hierfür tun wenig zur Sache). Das Ganze soll nur zwei Monate dauern, aber wenn ich Ende Juli wieder nach Hause fahre, ist Deutschland nahezu ohne mich nicht Weltmeister geworden, und ich backe mein Brot selbst. Überhaupt esse ich nur noch Brot, morgens, mittags, abends, das geht schneller. Und die Geschirrspülmaschine schalte ich immer schon vor dem Trockenprogramm aus, das spart Strom. Die sind hier ziemlich Öko in der WG.

Beim Spiel gegen Serbien habe ich mich noch davon gestohlen und bin in einen Biergarten hinunter in die Stadt gefahren. Von den Sonnenschirmen der Brauerei troff der Regen, die beiden einzigen Touristen darunter stachen durch ein orangenes Ganzkörpergoretexoutfit hervor, und Podolski hatte gerade seinen Elfer verschossen. Man sah, wie der Bundestrainer am Spielfeldrand den Jogi machte. Und ich sah die Einheimischen in ihrem Gleichmut. „Dei haua scho nuch ans nai“, brummelte die Bedienung beim Bedienen. Die Menschen sprechen hier so. Das Spiel gegen Ghana wollte ich dann doch lieber im Autoradio verfolgen. Der einzige halbwegs störungsfreie Sender, der sich fand, war Bayern 1. Zwischen Abba und Peter Kraus säuselte eine weibliche Computerstimme: Unser Moderator lässt sich entschuldigen, er ist bis auf weiteres mit einem wichtigen Fußballspiel beschäftigt. Solange spielen wir hier für Sie die schönsten Oldies, „Hello Mary Lou“. Sehr witzig.

Und was tut man, wenn einem das Weltgeschehen derart vorenthalten wird? Man kommt zu sich selbst. Und staunt. Wann, bitteschön, habe ich zuletzt an einem Lagerfeuer gesessen und mich mit einem Waldorf-Erzieher aus dem Schwäbischen, der mein Sohn sein könnte, im Obertonsingen geübt? Wobei der Jojo oder Momo oder wie er heißt nur auf Durchreise hier ist, glaube ich. Wieso störe ich mich morgens um sieben nicht groß daran, dass die Biggi, die ich nur vom Hörensagen kenne, mir schon zum zweiten Mal in einer Woche meinen Lieblingsjoghurt weggelöffelt hat? Und wieso entdecke ich erst jetzt, dass sich ein Zimmer mit Räucherstäbchenduft so viel besser aufräumen lässt als eins ohne?

Auch Bachblütenkaugummis übrigens helfen voll in jeder Lebenslage, die Bottiche in unserer Speisekammer heißen „Notfall“, „Energie“, „Konzentration“ und „Selbstvertrauen“. Jeder stellt sich hier seine individuelle Tagesration zusammen. Gezählt und abgerechnet wird Ende des Monats.

Nachts, wenn ich im Bett liege und von Ferne eine Kuh muht und irgendwer unter meinem Fenster (wo sonst) einen Joint raucht, denke ich an Berlin, diese große laute wichtige Stadt. Und direkt danach denke ich an die Mandy im Zimmer neben mir: Sie starre mehrmals am Tag einfach so an die Wand, hat sie mir gleich am Anfang erzählt, das wäre für sie existenziell. Ihrem Freund, dem Max, der für die WM hinunter in die Stadt gezogen ist, hat sie zum Geburtstag am Telefon „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen“ vorgesungen.

Ich finde, wir sollten alle unbedingt öfter einfach so an die Wand starren und dabei schöne deutsche Lieder singen. So viel anders als Fußballgucken im Fernsehen ist das nämlich nicht.

Hier schreiben abwechselnd Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben