Kolumne : Der Tief-Sinn

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum man auch mal traurig sein darf.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn jemand unter einer schweren Depression leidet, sind Medikamente eine wichtige Hilfe. Sie können den Aufstieg aus dem Tal der Trauer erleichtern. Trotzdem ist erstaunlich, dass in Ländern wie Deutschland und den USA Jahr für Jahr deutlich mehr Antidepressiva – Mittel gegen Depressionen – verschrieben werden. Gibt es eine globale Epidemie der Traurigkeit?

Denkbar, dass noch etwas anderes im Spiel ist: In einer Gesellschaft, in der Glück und Gelingen über alles gestellt werden, ist ein ganz normales seelisches Tief schon fast unerträglich. Wer einmal niedergedrückt ist, wen auch einmal Sorgen und Selbstzweifel plagen, der wird zum behandlungsbedürftigen Fall, dessen Hirnchemie mit Medikamenten wieder eingerenkt werden muss.

In diese Richtung weist eine Studie amerikanischer Forscher, nach der in den USA die Zahl der Depressionen in Wahrheit um ein Viertel geringer als angenommen ist. Wie die Wissenschaftler um Jerome Wakefield von der New-York Universität herausfanden, liegt das daran, dass ganz normale Trauer bereits als krankhaft angesehen wird. Trauer, wie man sie etwa nach einer Scheidung oder bei Verlust des Arbeitsplatzes empfindet. Menschen in einer solchen Situation brauchen sicher oft Hilfe. Aber sie sind in der Regel nicht krank, sondern völlig zu recht bekümmert.

Es ist nicht angenehm, Trübsal zu blasen. Doch negative Emotionen haben von Natur aus ihren Sinn. Sie reißen uns aus der täglichen Routine heraus, rücken das Unangenehme in den Brennpunkt. Damit können sie uns helfen, aus unseren Fehlern zu lernen. Frei nach Goethe: Der Geist, der stets verneint, schafft am Ende das Gute!

Wie ein Sicherheitsgurt, der vor dem Aufprall schützt, bewahren uns Betrübnis und Unzufriedenheit zur rechten Zeit vor Dauerstress und einem möglicherweise schweren Zusammenbruch, einem finalen Crash. Das Stimmungstief teilt uns auf seine Weise mit, dass wir etwas ändern müssen. So gesehen ist eine Krise tatsächlich eine Chance, um eine aktuelle Lieblingsfloskel von Politikern und Wirtschaftskapitänen zu zitieren.

In dieses Bild passt, dass Menschen mit Anzeichen von Depressivität häufig kreativer sind. Und das offenbar umso mehr, je stärker ihre Stimmung gedrückt wird. Das haben Modupe Akinola und Wendy Mendes von der Harvard-Universität herausgefunden. Zu viel Selbstzufriedenheit kann zudem der Karriere schaden, lautet das Ergebnis einer Umfrage von Ed Diener von der Uni von Illinois. Personen mit besserer Ausbildung und höherem Einkommen sind demnach weniger ausgeglichen als Menschen, denen weniger Erfolg beschieden ist.

An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass eine schwere Depression natürlich behandelt werden muss, keine Frage. Es geht mir auch nicht darum, Melancholie zu verklären. Aber permanentes Wohlbefinden ist auch nicht alles. Wenn die schwarzen Plagegeister der schlechten Laune uns piesacken, sollte uns das zu denken geben. Vielleicht folgt auf die Schwermut ja neuer Mut.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben