Kolumne: Die halbe Wahrheit : Das Basilikumexperiment

Topfpflanzen in der Wohnung sind ein Albtraum. Nicht weil sie hässlich sind oder viel Platz wegnehmen – sondern weil sie das eigene Versagen schmerzlich vor Augen führen.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Topfpflanzen in der Wohnung sind ein Albtraum. Nicht weil sie hässlich sind oder viel Platz wegnehmen – sondern weil sie das eigene Versagen schmerzlich vor Augen führen. Das Gießen vergessen? Schon hat die Monstera ein krümeliges braunes Blatt. Zum Ausgleich kräftig gewässert? Eine schimmlige Substanz aus Torf und feingliedrigem Wurzelgeflecht quillt vorwurfsvoll über den Topfrand. Zu lange gelüftet? Freund Ficus wirft mit einem beleidigten Schütteln alle Blättchen auf einmal ab und zeigt mitleidheischend seine dürren Zweiglein. Sieh nur hin, was du mir angetan hast, du ignoranter Mensch!

Ich mache da nicht mehr mit. Ich lasse mich von keiner Zimmerpflanze moralisch unter Druck setzen. Ab sofort konzentriere ich mich also auf die Aufzucht und Pflege anspruchsloser Nutzpflanzen: des sogenannten Berliner Kräuterbeets.

Ein Berliner Kräuterbeet erkennt man leicht daran, dass es im Innenraum wächst, meist in der Küche. Es besteht aus einem Basilikumtöpfchen, wie man es – von mit allerlei Warnhinweisen bedruckter Plastikfolie umhüllt – im Supermarkt bekommt. Doch leider sollte ich schon bald erkennen, dass ein Basilikumtöpfchen in der Großstadtküche ist wie ein Pitbull ohne Zähne. Es ist zur Notschlachtung verdammt, früher oder später jedenfalls.

Mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Basilikumtöpfchen länger als drei Wochen überlebt hat. Und doch zeugt jedes einzelne verkaufte Basilikumtöpfchen von der unerschütterlichen Hoffnung der Großstadtbewohner: Diesmal wird es klappen. In diesem schwarzen Plastiktöpfchen werden an kräftigen Stängeln fleischige Basilikumblätter gedeihen, die meinem Caprese eine Zierde sein werden.

Mein Ehrgeiz war endgültig geweckt. Die Pflege eines Basilikumtöpfchens, glaubte ich, würde ich mittels einiger theoretischer Lehrsätze hinbekommen. Ich nahm einen Stuhl und kramte ganz oben im Bücherregal nach dem alten dtv- Atlas zur Biologie, den ich während eines kurzen Anflugs wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses in der 12. Klasse von meinem Taschengeld gekauft hatte.

Schließlich stieß ich auf einen spannenden Begriff: den permanenten Welkepunkt, kurz PWP. Der Begriff bezeichnet den Austrocknungsgrad des Bodens. Trocknet also ein Boden bis zum PWP aus, „wird das Wasser im gut verwurzelten Bodenhorizont so stark gebunden, dass Pflanzen irreversibel welken“. Mit anderen Worten: Mein Basilikumpflänzchen versucht vergeblich, Feuchtigkeit aus der Erde zu saugen, dabei wird der kapillare Wasserstrom unterbrochen.

Luft tritt ein. Exitus.

Ich lud meine Freundin ein, um sie an meinem Basilikumexperiment teilhaben zu lassen. Interessiert betrachtete sie den Topf auf meiner Anrichte, aus dem nur noch ein einziges gelbes Stänglein herausragte, welches offenbar größte Mühe hatte, das letzte Blatt aufrecht zu halten.

Achselzuckend wendete sie sich ab. Dann meinte meine Freundin, auch sie habe ihren persönlichen PWP bereits erreicht. „Irgendwann“, sagte sie und hob ein braunes Blatt vom Fußboden auf, „geht es eben, rein physisch betrachtet, nur noch in eine Richtung. Bergab.“ Man könne so viel cremen, Camouflage auftragen und Sport machen, wie man wolle, es sei vollkommen sinnlos. Ab einem gewissen Alter sei man halt nicht länger das Basilikum mit den frischen, fleischigen Blättern, sondern friste als zerrupfte, Post-PWP-Pflanze sein Dasein auf der schattigen Fensterbank des Lebens.

Geknickt betrachteten wir das Restkraut. Schon wieder setzte uns eine Zimmerpflanze massiv moralisch unter Druck. Ob man Pesto aus einem einzigen Blatt mörsern kann?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar