Kolumne: Die halbe Wahrheit : Das Wunschkonzert

Neulich war ich im St. Oberholz am Rosenthaler Platz.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Neulich war ich im St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Sie wissen schon, das ist dieses Café, in dem alle von mittags bis nachts vor ihren Laptops sitzen. Digitale Bohème, angeblich. Neben dem Eingang hing ein großes Schild mit der Aufschrift: „Das Leben ist kein Ponyhof.“

Mir fiel ein anderer Spruch ein, den ich nicht mag. Er geht so: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Dem Wunschkonzert wird in diesem dummen Ausspruch Unrecht getan. Meine Oma zum Beispiel liebt das Wunschkonzert.

Meine Oma ist auch als Königin des Mittagsschlafs bekannt. Als ihr Mann noch lebte, haben sie gemeinsam Mittagsschlaf gemacht – auf einem schmalen Sofa mit geschnitzten Füßen. Jeder hatte seinen Kopf auf eine Armlehne gebettet, ansonsten wurde das Ensemble verdeckt von einer karierten, kratzigen Pferdedecke mit Fransen. Ich habe mir als Kind oft vorgestellt, wie schrecklich es gewesen sein muss, nach Opas Tod alleine Mittagsschlaf halten zu müssen. Vielleicht hat sie sich deswegen, nachdem sie Witwe wurde, einen Ohrensessel gekauft. Ein Sessel ist definitiv nur für eine Person und wird schneller warm. Genauso gut halte ich es für möglich, dass sie es heimlich genossen hat, sich endlich einmal ausstrecken zu können. Denn einen Mittagsschlaf im Ehebett zuzubringen, wäre so ziemlich das Verlottertste, was man sich vorstellen könnte.

Die Auszeit nach dem Mittagessen ist bei Oma keine Frage des Alters. Nach Auskunft meiner Mutter hat sie das „schon immer“ gemacht. Dementsprechend ist der Mittagsschlaf fest durchritualisiert. Es wird auch sofort – wie auf ein geheimes Kommando – eingeschlafen. Sogar im Sitzen. Bumm. Natürlich wird auch wieder genauso aufgewacht. Aber ich schweife ab.

Nur sonntags gibt es eine kleine Änderung im Programm. Dann dauert die Pause ein bisschen länger, und sie hört beim Schlafen Radio, aus einer Art Gettoblaster. Weil sonntags mittags bei WDR 4 das Wunschkonzert läuft. Das hört sie dann sehr laut, wegen der schlechten Ohren. Schlechte Ohren hatte sie auch „schon immer“.

Einmal kam ich auf die Idee, eine Postkarte ans Radio zu schicken. Ich wollte, dass meine Oma zu einem ganz bestimmten Datum mit einem Song von Roy Black, ich weiß nicht mehr, welcher es war, und ein paar warmen Worten von mir gegrüßt wird. Roy Black ist einer der Helden meiner Oma. Als der gewünschte Sonntag gekommen war, kam ich unaffällig zu Besuch, um sicherzustellen, dass sie meinen Gruß auch wirklich mitbekommt. Das Wunschkonzert fing an, Oma schlief ein, irgendwann begann der Moderator mit der ewigen Litanei der guten Wünsche, und meine Oma schlief fest. Roy Black sang „Ganz in Weiß“, ich räusperte mich, tätschelte die Pergamenthaut ihres Unterarms, doch meine Oma schnarchte, den Kopf in den Nacken gelegt, leise weiter. „Ganz in den Weiß, mit einem Blumenstrauß, so siehst du in meinen schönsten Träumen aus …“

Oma hatte sicher weitaus spannendere Träume als Roy Black. Ihre Augen bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern.

Als die Verkehrsnachrichten ankündigten, dass das Wunschkonzert vorbei war, wachte sie auf. Sie rieb sich die Augen, taste nach ihrer Brille, steckte sie auf die Nase, erschrak kurz, als meine Konturen für sie sichtbar wurden, und fragte: „Na? Hast du Sabbelwasser getrunken?“ Ich: „Nä. Das ist der Verkehrsfunk.“ Wir erfuhren, dass am Kamener Kreuz mal wieder so was von die Hölle los war. Wahrscheinlich wollten alle pünktlich zum Kaffee bei Oma sein.

Ob sie im St. Oberholz auch koffeinfreien Filterkaffee haben? Kann ich mir nicht vorstellen. Die wissen eben nicht, was gut ist.

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