Kolumne: Die halbe Wahrheit : Der Tacker der Gerechtigkeit

Esther Kogelboom über Penelope Cruz, Mickey Rourke und Werbung.

Esther Kogelboom
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Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Pe-ne-lo-pe Cruz nervt. Sie macht Werbung wie eine Verrückte und schauspielert am laufenden Band. Wo man hinguckt, überall nur noch Cruz. Für „Mango“ hat sie jetzt sogar zusammen mit ihrer Schwester, die nicht ganz so schön ist, aber immerhin noch mehr als okay aussieht, eine Kollektion entworfen. Mit schwarzen Kleidern zum Schnüren, die jede andere Frau garantiert lächerlich aussehen lässt. Für „L’Oréal“ hat sie mit angeschweißten Wimpern für Wimperntusche geworben. In Modemagazinen wechseln sich ihre „Elnett“- Haarspray-Anzeigen mit redaktioneller Berichterstattung über den neuesten Cruz-Film ab. Das fällt schon unter Stalking!

Männer drehen verlässlich durch, wenn Penelopes Brüste bauwagengroß auf der Kinoleinwand erscheinen. Sie schwärmen von ihrer „Energie“ und „Leidenschaft“. Frauen denken nur: #&!§%. Und natürlich: Wenn ich diese      und ###### hätte, hätte ich auch mehr Energie. Mir sind sehr, sehr viele Frauen mit klinischem Cruz-Überdruss bekannt.

Die gute Nachricht lautet: Es gibt Hoffnung. Endlich. Sie trägt den Namen Mickey Rourke. Ein Abend mit „The Wrestler“ lässt einen den allgemeinen Penelope-Cruz-Wahn einfach vergessen. Rourkes Rücken, nachdem sein Gegner ihn mit dem Tacker zertackert hat. Rourke mit den Fingern in der Metzgermaschine: Hackfleisch gegen Huhn. Kaputtes Fleisch, und die Seele ist so roh, dass im Kino Salmonellengefahr herrscht.

In „The Wrestler“ geht es um stahlharte, brutzelbraune Männerbrüste – und zum ersten Mal überhaupt ist auf der Leinwand zu sehen, was ein Haarfärbemittel aus der Drogerie wirklich anrichten kann. Hoffentlich wird Mickey Rourke bald das neue Gesicht von „L’Oréal“. Ich würde mir sofort alles kaufen, was es von „L’Oréal“ gibt. Penelopes Brüste und Haare sollen auf dem Fließband zur Hölle fahren.

Werbung stand ich schon immer kritisch gegenüber. Im Deutschunterricht in der Schule mussten wir einmal eine Klassenarbeit über einen Werbespot schreiben, genauer gesagt über den Nassrasierer-Slogan „Gillette – Für das Beste im Mann“. Ich zerbrach mir zwei Schulstunden darüber den Kopf, was wohl genau das Beste im Mann, also nicht etwa am Mann, des Mannes, auf dem Mann etc., sein könnte. Leider führten meine Überlegungen schnell ins Leere, und der wenige Zeilen kurze Aufsatz endete mit den Worten: „Was das Beste im Mann ist, kann nicht objektiv festgestellt werden.“ Eine Schlussfolgerung, die ich auch heute noch so stehen lassen würde – obwohl die Note „mangelhaft“ darunter stand.

Später machte ich ein Praktikum bei einer Werbeagentur. Es ging darum, das Konzept für einen Laden zu erstellen, der gebrauchte Mobiltelefone verkaufen wollte. Der Chef war ein spindeldünner Hektiker, der beim „Brainstormen“, einer Tätigkeit, mit der er sich eigentlich permanent beschäftigte, gern Nüsschen aß. Nüsschen waren eine Art Fetisch für ihn, überall, wo er sich aufhielt, mussten Glasschalen mit Nüsschen bereit stehen. Von seiner Genialität überzeugt, kam aber nicht etwa er auf das nahe liegende Wort „Secondhandy“, sondern ich.

Als mein Praktikum vorbei war, hatte die „Secondhandy“-Kampagne die Kleinstadt fest im Griff (Taxis, Anzeigen, Plakatwände), und ich hoffe, der Agenturchef wird irgendwann vom Tacker der Gerechtigkeit kräftig ins Brain getackert. Denn selbstverständlich erntete er den Ruhm.

Trotz meiner durchaus traumatischen Erfahrungen mit Werbung möchte ich an dieser Stelle selber welche machen: Gehen Sie in „The Wrestler“. Heute noch. Weil Sie es sich wert sind.

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