Kolumne: Die halbe Wahrheit : Die Tiegel der anderen

Die Sache mit den Kulturbeuteln hat sich in den letzten Jahren weiter verkompliziert.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Die Sache mit den Kulturbeuteln hat sich in den letzten Jahren weiter verkompliziert. Früher waren sie braun-beige kariert mit Schlaufe und sind sie einfach nur ab und an geplatzt oder ausgelaufen. Inzwischen gibt es im Kaufhaus nur noch Kulturbeutel nach dem Prinzip Russische Puppe: Man reißt ihn auf und entdeckt ein weiteren, kleineren Beutel, in dem – Überraschung! – noch ein Beutel steckt. In diesem vermeintlich letzten Täschchen befindet sich ein zickiges Mini-Täschchen, so winzig, dass gerade eben eine Pinzette hineinpasst.

Das Prinzip Russische Puppe mag in anderen Bereichen des Lebens sinnvoll sein, aber auf das Kulturbeutelwesen gemünzt, erfüllt es keinen Zweck. Wer will schon auf Reisen zehn Minuten das Innerste nach außen kehren, um nach seinem Mundwasser zu fahnden? Ich begreife auch nicht, warum Kulturbeutel immer gold-, silber- oder bronzemetallic sein müssen. Die internationale Kulturbeutelindustrie hat sich bestimmt auf Mariah Carey als weiblichen Prototypen geeinigt. Aber Mariah Carey reist auch mit Butler.

Es sieht fast so aus, als seien die Männer den Frauen auf Kulturbeutelebene weit voraus. Jeder Mann, den ich kenne, hat einen Jack-Wolfskin-Kulturbeutel zum Aufhängen. Als ich neulich Besuch hatte, hingen in meinem Badezimmer drei dieser in der Regel zahnpastaverschmierten Exemplare in friedlicher Koexistenz nebeneinander. Nein, schön waren sie nicht. Aber bestimmt praktisch. Und es sah nach Wildnis aus, nach Camping und vollbärtigen Traveller-Träumen.

Frauen haben ein grundsätzliches Problem mit ihrem Necessaire. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie deshalb so viel Wert auf das Design ihrer Kulturbeutel legen, weil sie genau wissen, dass andere Frauen darin heimlich herumstöbern. Warum tun sie das? Weil sie hinter die Beautytricks der anderen kommen wollen? Viele probieren auch gerne aus, was in Töpfchen und Tiegelchen steckt. Leider ist die Beweisaufnahme nicht immer so unkompliziert wie bei Parfum oder konkav abgelutschten Lippenstiften.

Fakt ist: Frauen wühlen in erster Linie aus Gründen der Stutenbissigkeit, also weil sie sich eingehend über die Komlexe der Gastgeberin informieren wollen, um sich einen Vorsprung zu sichern. Ein Roller gegen Orangenhaut! Eine aufpolsternde Antifalten-Augencreme! Eine Flasche Koffein-Shampoo gegen Haarausfall! Ha!

Besonders brisant ist der Fall meiner Freundin. Sie hat lange überlegt, ob sie sich eine Wimperntusche von Chanel leisten soll. Wirklich sehr lange. Dann hat sie es getan. Wenn schon kein Chanel-Jäckchen, dachte sie, dann sollen wenigstens die Wimpern elegant klimpern. Und sie freute sich jedes Mal, wenn sie die wertvolle Substanz auftrug. Doch dann hatte sie Besuch, der Besuch brachte Bekannte mit und die Bekannten ein paar unbekannte Tussis. Am nächsten Morgen fehlten ihre Chanel-Wimperntusche und noch weitere Dinge aus ihrem Kulturbeutel – die Diebin hatte sorgfältig den Douglas-Weizen von der Rossmann-Spreu getrennt.

Im Namen meiner Freundin verwünsche ich diese Hexe. Mögen ihre Wimpern zunächst verkleben und dann abbrechen. Wenn sie nur einen Funken Anstand hat, kauft sie die Sachen neu und wirft sie meiner Freundin originalverpackt in den Briefkasten.

Männer würden so was niemals machen. Es würde sich ja auch gar nicht lohnen. Denn was Männer in ihren Kulturbeuteln haben, weiß ich zufälligerweise ganz genau: eine Zahnbürste, eine Schachtel Aspirin und einen unbenutzbaren verrosteten Nagelknipser. Was man sonst noch so braucht, wird die Frau schon in ihrem vierteiligen Beautycase dabeihaben. Wie immer.

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