Kolumne: Die halbe Wahrheit : Die Wunschlisten-Demenz

Pünktlich zur Wunschlistenzeit ist mein Hirn wieder leer, leer, leer. Das ganze Jahr über denke ich, hui, dieses wäre ja mal ein Wunsch! Oder jenes, toll, das würde ich mir niemals selber kaufen, aber wünschen! Doch alle Ideen sind weg, weil ich sie nicht rechtzeitig aufgeschrieben habe.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Pünktlich zur Wunschlistenzeit ist mein Hirn wieder leer, leer, leer. Das ganze Jahr über denke ich, hui, dieses wäre ja mal ein Wunsch! Oder jenes, toll, das würde ich mir niemals selber kaufen, aber wünschen! Doch alle Ideen sind weg, weil ich sie nicht rechtzeitig aufgeschrieben habe. Ich habe die Wunschlisten-Demenz. Ausgerechnet jetzt, wo all die verzweifelten Anfragen kommen: Was wünschst du dir? Äh … ich melde mich später.

Für andere fällt mir meistens etwas ein. Im Prinzip ist es so wie mit dem Kolumnenschreiben: Je näher die Deadline rückt, desto dringlicher wird das Ideenproblem. So sieht man mich traditionell am 24. Dezember im Kaufhaus. Bis jetzt haben noch alle Freude geheuchelt – wahrscheinlich, weil sie froh sind, dass die Zeit für mich nicht mehr zum Selberbasteln gereicht hat.

Überflüssig zu erwähnen, dass meine selbstgebastelten Geschenke früher landauf, landab gefürchtet waren. Erst vor kurzem habe ich mein verstaubtes Frühwerk auf dem elterlichen Dachboden wiederentdeckt. Kartoffeldruck! Seidenmalerei! Und natürlich alles nur halb fertig, aber dafür mit einem hingekritzelten Gutschein über die Fertigstellung „noch in diesem Jahr“. Es ist ein Panoptikum des Grauens, und ich schäme mich dafür, dass meine Eltern alles aufbewahrt haben. Ja, das tue ich wirklich.

Ebenso schal schmeckt der Pakt des Nichtschenkens unter Freunden. Die erste Erleichterung weicht schnell einer schleichenden Enttäuschung über diesen kühlen Pragmatismus – und mündet stets in der berühmten Kleinigkeit: „Dieses Jahr gibt es aber wirklich nichts Großes, nur Kleinigkeiten!“

Okay, aber was genau noch mal?  

Ich habe wirklich meditiert und ganz tief in mich hineingehorcht. Mir fällt nicht ein, was ich mir wünschen könnte. Leer, leer, leer! So ein Wunsch darf den Schenkenden ja auch nicht in unnötige Komplikationen stürzen. Das wäre unhöflich. Am besten, er kann das Betreffende kurz und schmerzlos bei Amazon oder Douglas bestellen. Aber Herrgott, bei Amazon oder Douglas kann ich mir auch selber was bestellen! Ich fürchte ehrlich gesagt, aus meiner chronischen Wunschlosigkeit spricht das Bedürfnis nach einer handfesten Überraschung. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein moderner Mensch mit durchschnittlich ausgeprägtem Einfühlungsvermögen nicht mehr positiv überrascht werden kann.

Drehen wir die Zeit noch einmal zurück in die Ära des Kartoffeldrucks und der Seidenmalerei. Als Kind hatte ich, wenn ich mich richtig erinnere, die Technik des Alleswünschens. Mit anderen Worten: Wünsch dir hundert Sachen, und was du am Ende bekommst, überrascht dich garantiert. (Es sei denn, das Christkind ist von deiner Maßlosigkeit derartig abgeschreckt, dass es dich leer ausgehen lässt.)

Garantiert nicht überrascht werde ich von meiner Oma. Sie verschenkt Jahr um Jahr die beliebten Knistersocken. Die sind großartig. Erstens, man hat wieder ein Paar mollig warme Selbstgestrickte, und zweitens steckt in jedem Socken ein Geldschein. Auch dieses Jahr werde ich hoffentlich wieder ein Paar Knistersocken aus dem frisch gebügelten Goldpapier vom Vorjahr auswickeln dürfen. Keine Ahnung, ob das nur Wiederholung ist oder schon Tradition. Mit gefällt’s.

Fest steht, dass mir spätestens am 28. Dezember ein Licht von der Größe der Sonne aufgehen wird. Die grauen Nebelschwaden meines Geistes werden verdunsten, und mir fällt ganz plötzlich ein, was ich mir hätte wünschen können. Blinkende Fahrradlampen! Die zweite Collector’s Box „Lindenstraße“! Eine dezente Wollmütze! Na ja, vielleicht wünsche ich mir das alles einfach schon dieses Jahr.

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