Kolumne: Die halbe Wahrheit : Disco!

Hobby-Gärtner, Hobby-Angler, Hobby-Schriftsteller – all das sind tendenziell anstrengende Zeitgenossen.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Hobby-Gärtner, Hobby-Angler, Hobby-Schriftsteller – all das sind tendenziell anstrengende Zeitgenossen. Aber kein Hobby-Hobo ist so anstrengend wie der Hobby-DJ.

Der Hobby-DJ wird nämlich von missionarischem Eifer getrieben. Er will Kraftwerk-Fans von dem Schönklang einer akustischen Gitarre überzeugen oder auch Beyoncé-Fans von der Tanzbarkeit eines Rammstein-Songs. Er denkt, je lauter er die Musik dreht, desto besser ist die Stimmung. Als unverbesserlicher iTunes-Diktator beißt er jeden weg, der sich mit einem treuherzigen Wunsch seinem Laptop nähert. Nur ungern kommt er hinter dem schützenden Bildschirm hervor, um selbst zu tanzen – und wenn doch, ist er spätestens 20 Sekunden vor Ende eines Songs wieder an der Tastatur, damit ihm bloß niemand ins Handwerk pfuscht.

Warum ich das so genau weiß? Nun, ich bin selbst einer dieser autistischen Hobby-DJs. Ich kann nicht anders. Es gibt einfach Lieder, die auf vielen Partys gespielt werden, die ich nicht mehr hören kann – dazu gehört zum Beispiel „I will survive“ von Gloria Gaynor. Da nehme ich lieber die Sache selbst in die Hand, gern auch gegen den Willen der Umstehenden.

Wie neulich auf der Geburtstagsparty meiner Freundin. Ich bilde mir ein, es lief gar nicht schlecht. Bis sich mir ein Mann näherte, mit seiner brennenden Zigarette auf das Laptop deutete und gegen den Lärm der Boxen anschrie: „Ey! Du hast ja noch gar nichts von Michael Jackson gespielt.“ Darauf war ich natürlich vorbereitet. Ich setzte mein nettestes Gesicht auf und bölkte: „Tut mir leid. Das werde ich auch nicht!“ Der Blick meines Gegenübers verdunkelte sich.

„Wie jetzt! Auch nicht ,Thriller‘? ,Dirty Diana‘?“ Ich schüttelte entschlossen den Kopf. So viel Trotz, dachte ich, muss sein – war ich doch Massenphänomenen gegenüber noch nie besonders aufgeschlossen. Der Mann ging weg und kehrte Sekunden später mit meiner Freundin im Schlepptau zurück. „Sie“, schrie er und deutete diesmal mit seiner Zigarette auf mich, „weigert sich, Michael Jackson zu spielen!“

Meine Freundin nahm mich beiseite und drohte mir mit sofortigem Rauswurf, sollte ich nicht sofort „Thriller“ auflegen. Ich musste es also tun. Keine Party darf ohne Michael Jackson stattfinden, seit er tot ist. Verrückt.

Als die ersten Takte ertönten, strömten sie von überall her, aus der Küche, sogar von der Toilette. Knutschende Paare ließen voneinander ab und erhoben sich verzückt vom Sofa, sogar eingefleischte Tanzmuffel machten den Moonwalk, Hände und Füße reckten sich in die Lüfte, der Boden bebte, eine Vase kippte vom Tisch und Lilienstaub fiel auf die ekstatischen Tänzer. So ungefähr muss sich Jean-Baptiste Grenouille gefühlt haben, als er kurz vor seinem Hinrichtungstermin auf dem Marktplatz von Grasse sein Parfum verduften ließ.

Ich beobachtete den zuckenden Menschenpulk und machte mir Gedanken über die neue Michael-Jackson-Hysterie. Sein Tod hat ihn für immer von allen Vorwürfen erlöst, und das wird jetzt gefeiert. Endlich ist es nicht mehr wichtig, ob er sich vielleicht doch Kindern unsittlich genähert oder seine eigenen Sprösslinge mithilfe von absurden Masken zu Psychopathen erzogen hat. Der Moonwalk tut ja keinem weh.

Als „Thriller“ zu Ende ging, klickte ich auf „Dirty Diana“. Der Tumult ging weiter. Meine Freundin schwitzte, brüllte mir lachend etwas zu und reckte beide Daumen in die Höhe. Vielleicht werde ich doch Profi-DJ. Ich hoffe nur, dass Gloria Gaynor ein methusalemisches Alter erreicht.

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