Kolumne: Die halbe Wahrheit : E-Mails im Namen des Vaters

Wie schnell sich die Welt verändert, merkte ich, als ich für meinen Vater eine E-Mail-Adresse einrichtete.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Wie schnell sich die Welt verändert, merkte ich, als ich für meinen Vater eine E-Mail-Adresse einrichtete. Er hatte zähneknirschend darum gebeten. Ich sollte nach Hause kommen und ihm so eine Adresse einrichten, damit er sich fortan diese neue Technologie erschließen könnte.

Ich sprach ins Telefon: „Aber dafür muss ich nicht nach Hause kommen. Das kann ich auch total einfach von Berlin aus machen.“ Darauf er: „Wie soll das denn funktionieren!“

So saß ich in Berlin vor dem Rechner, und er auf dem Land. Sein Internet-Anschluss war noch ganz frisch: Dass man von jedem Internet-Rechner der Welt auf seine E-Mails zugreifen kann, wenn man nur die Kaltschnäuzigkeit besitzt und ein hoch komplexes Kennwort wie zum Beispiel seinen eigenen Vornamen eingibt, leuchtete ihm erst nach einer Weile ein.

Ich fühlte mich randvoll mit Herrschaftswissen. Auf einmal war ich diejenige, die meinem Vater etwas erklären konnte, und mein Vater war in der Position des widerwilligen Zuhörers. Bis dahin war es meistens umgekehrt gewesen, jedenfalls bei so unwesentlichen Dingen wie Laufen, Sprechen, Fahrradfahren, Kopfrechnen und Schwimmen.

Die erste Internet-Phase meines Vaters bestand aus Wimmel-E-Mails voller gelb leuchtender, tanzender Emoticons, die er mir alle paar Wochen schickte.

*Zungerausstreck* – *Winkewinke* – *Erröt* – das passte irgendwie nicht zu ihm. *Kratzirritiertamkopf*.

Nachdem diese erste Phase vorbei war, begann er, mit wachsender Begeisterung alles Mögliche zu googeln. Man kann sagen: Er googelte, bis die Schwarte krachte.

Er recherchierte in der Gartenteich-Pumpen-Szene. Er lud eine Anleitung zum Dachbodendämmen runter. Er checkte die Ferienhaus-Lage in der Provence. Er zoomte sich im blauen Widerschein des Monitors mit Google Maps ganz nah an meine Straße heran. Wenn er wissen wollte, wie man Bremsbeläge selber austauscht, vertraute er dem erstbesten Blogger.

Das Problem: Was Google nicht auf Anhieb findet, existierte für ihn auch nicht. Wenn man ehrlich ist, existieren bereits die zweiten Treffer für ihn nicht mehr. Googles erste Wahl – das ist nun schon seit einiger Zeit die meines Vaters.

Das geht auf die Dauer nicht gut. Meine Hinweise schlägt er in den Wind. Ich fühle mich wie eine Entwicklungshelferin, die die Kontrolle über ihr Projekt verloren hat. Trotzdem kann mein Vater jetzt auch Farbfotos an seine E-Mails hängen.

Vergangenes Wochenende sah ich auf seinem Schreibtisch zwei ausgefüllte Überweisungsträger für die Bank. „Papa“, rief ich, und mein Herrschaftswissen schlug in mir einen Salto, „du bist eindeutig bereit fürs Onlinebanking! Mit SMS-Tan und allem Drum und Dran!“ – „Wie soll das denn funktionieren!“

Wieder riefen wir einen Account ins Leben und transferierten testweise einen Cent hin und her. Es lief wie am Schnürchen. Doch dann schaute er mich traurig an: „Heißt das, dass ich jetzt nie mehr Überweisungsträger einwerfen gehen kann?“

Ich fürchte, der Account meines Vaters wird nie viel zu tun kriegen.

Überhaupt gilt sein Interesse jetzt mehr dem SMS-Schreiben. Seine Technik ist beachtlich: Er schaltet das Handy ein, sucht den Zettel mit der Pin, gibt die Pin ein, tippt die SMS und schaltet das Handy wieder aus – zur Sicherheit, denn es könnte ja in einem ungünstigen Moment jemand anrufen. Oder – sein größter Horror – das Gerät könnte wie von Geisterhand eine Handynummer in Tokio wählen.

Just in diesem Moment erreicht mich eine SMS: „WIE FUNKTIONIERT TASTENSPERRE PAPA“ Na ja, ich konnte auch nicht auf Anhieb kopfrechnen.

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