Kolumne: Die halbe Wahrheit : Ehrenamt & Erfrischungsgeld

Mir wäre gerne mal wieder so richtig aus vollem Herzen langweilig.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Mir wäre gerne mal wieder so richtig aus vollem Herzen langweilig, weil man, wenn man Zeit totschlagen muss, oft die irrsten Einfälle hat. Als Politikerin würde ich sagen: „Es müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land regelmäßig langweilen.“ Langeweile ist vom Aussterben bedroht, weil man im Zweifel jederzeit mit dem Handy online gehen und seinen Adrenalinspiegel ansteigen lassen kann, indem man anonym irgendeinen Quatsch postet. Nur ganz alte und weise Menschen haben heutzutage noch die Kraft, im Bus einfach so aus dem Fenster zu gucken.

Ich weiß noch ganz genau, wann ich mich das letzte Mal so dermaßen gelangweilt habe, dass es fast körperliche Schmerzen verursachte. Es ist schon lange her; ich musste meinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen und war Wahlhelferin – bei der Bundestagswahl 1994. Ein Familienmitglied hatte eiskalt eine meiner Schwachstellen identifiziert und mich erpresst: „Wenn du dich nicht freiwillig für dieses Ehrenamt verpflichtest, dann kriegst du auch kein Kirmesgeld mehr.“

Also, eigentlich war alles wie immer: Ich saß an einem Sonntag in der Kneipe „Zum Hirsch“, und die komplette volljährige und auch nicht volljährige Verwandtschaft kam nach und nach vorbei. Nur, dass ich sie diesmal auf einer Liste abhakte und daneben vermerkte: „Wahlberechtigter von Person bekannt.“ (Was hätte ich machen sollen? Tante Lotti und Onkel Hein nach ihren Personalpapieren fragen?)

Irgendwann erlaubte ich mir ein paar lauwarme Späße über den damals amtierenden Kanzler, was mir den Ärger des Wahlleiter-Obermuftis eintrug, von wegen mögliche Beeinflussung der Wahlberechtigten in letzter Sekunde. Da aber in unserem idyllischen niederrheinischen Wahlkreis, der später Ronald Pofalla hervorbrachte, seit Gründung der Bundesrepublik noch nie etwas anderes gewählt wurde als CDU, gehe ich nicht davon aus, dass wegen meiner dezenten Einflussnahme die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen. Die OSZE hätte allerdings ganz schön was zu beobachten gehabt: Manche gingen sogar deutlich angetrunken zur Urne. (Was hätte ich machen sollen? Meiner Oma ihren aufgesetzten Beerenschnaps verbieten, den sie nach jeder Heiligen Messe trinkt?) Andere ließen ihre Kleinkinder das Kreuzchen für sie machen: „Ganz oben … jaaa … ganz genau … super gemacht.“

Da alle Wahlberechtigten, die ich auf der Liste hatte, die genetisch prädestinierte Reihenfolge Frühstück – Kirche – Frühschoppen – CDU wählen einhielten, kam ab 13 Uhr keine Menschenseele mehr. Es war wirklich extrem langweilig, und ich versuchte gegen 14 Uhr, den Wahlleiter-Obermufti davon zu übezeugen, schon mal langsam mit dem Auszählen der Stimmen zu beginnen. Schließlich fehlten laut Liste nur noch die Pothoffs, und die hatten vor ihrem Urlaub vergessen, Briefwahl zu beantragen, das hatte mir Frau Pothoff höchstselbst beim Anstehen an der Fleischtheke erzählt. Doch der Wahlleiter-Obermufti nahm sein Ehrenamt sehr ernst und ließ sich natürlich nicht von einem Erstwähler wie mir beirren.

Und so harrten wir im Namen der Demokratie aus, bis die Turmuhr 18 Uhr signalisierte. So langsam bekam ich auch Hunger, hatte ich doch schließlich den ganzen Tag aus Urnenbewachungsgründen weder gegessen noch getrunken. Da schlug sich der Wahlleiter-Obermufti vor die Stirn: „Ja Menschenskind, jetzt hab ich glatt vergessen, dir dein Erfrischungsgeld auszuzahlen!“

Ich glaubte ihm kein Wort, nahm aber dennoch das Erfrischungsgeld dankbar an. Ruhe bewahren – das ist eben vor allem anderen die allererste Bürgerpflicht.

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