Kolumne: Die halbe Wahrheit : Eine Serie im Selbstexperiment

Wie viele Folgen einer Serie kann man eigentlich hintereinander auf DVD anschauen, ohne verrückt zu werden?

Esther Kogelboom
Kogelboom
Foto: Tsp

Wie viele Folgen einer Serie kann man eigentlich hintereinander auf DVD anschauen, ohne verrückt zu werden? Ehrlich gesagt: Das ist ein spannendes Selbstexperiment – schon die erste Staffel „Mad Men“ habe ich verschlungen. Oder kann man nur Bücher verschlingen? Ich glaube nicht.

Als meine Freundin jetzt aus London eine SMS schickte: „Staffel 2 im Handgepäck!“, durchströmte mich große Vorfreude. Das dunkle Herbstwetter ist mir egal geworden, gibt es doch in der dunklen Jahreszeit nichts Schöneres, als sich auf dem Sofa bei einer Tasse heißer Trinkschokolade unzähligen „Mad Men“- Folgen hinzugeben.

„Mad Men“ spielt in der wichtigsten New Yorker Werbeagentur zu Beginn der sechziger Jahre. Die Handlung ist nebensächlich, das Faszinierende ist die Ausstattung dieser vielfach preisgekrönten Serie: Vom Bleistiftspitzer bis zum Schreibtischstuhl wurde jede kleinste Kleinigkeit von genialen Requisiteuren durchdacht. Das Schönste aber ist die Bar, die in jedem Werber-Büro einen selbstverständlichen Platz einnimmt. Egal, wer wem zu welcher Uhrzeit ins Büro platzt – es gibt immer bernsteinfarbenen Whisky in formschönen Tumblern. Auf den Konferenztischen liegen Clubsandwiches mit schillernden Pieksern. Die Lieferung des ersten Xerox-Kopierers quittieren die kurvenreichen Sekretärinnen mit hämischer Nichtbeachtung. Dazu wird geraucht, dass einem schon vom Zuschauen schwarz vor Augen werden kann. Es wirkt fast so, als würden der bildschöne Donald Draper und seine Kollegen allein durchs Rauchen immer neue Etats gewinnen.

„Mad Men“ präsentiert vieles vermeintlich Ausgestorbene in verführerischem Licht. Kinder, was war das für eine Zeit, in der die Frauen noch Frisuren hatten und trichterförmige Büstenhalter unter hautengen Pullovern zu Bleistiftröcken trugen! Und für die Männer alles andere als Nadelstreifenanzug und Hut unvorstellbar gewesen wäre. Mittagspause? Na klar, wir sehen uns an der Austernbar.

Sie merken schon, dass ich dieser Serie trotz des antiquierten Frauenbildes, das sie transportiert, recht unkritisch gegenüberstehe. Meine Freundin natürlich auch. Zur Hölle! Wir waren beide schon viel zu lange keine unreflektierten Fans mehr von irgendetwas. Immer dieses lähmende Für und Wider!

Da gibt es zum Beispiel bei Facebook eine Rubrik „Fan von“, und jeder zweite Gesichtsbuch-Benutzer ist „Fan von“ Barack Obama. Sogar, ich habe es eben eigenhändig geprüft, Alexander von Schaumburg Lippe, der ist allerdings gleichzeitig „Fan von“ Karl-Theodor zu Guttenberg.

Ich persönlich hatte das Fan-Sein sogar regelrecht verlernt. Zum Beispiel war ich mit 15 mal glühender Fan der Band U2. Mit der Zeit nahm die Begeisterung immer weiter ab. Dann ging ich im Sommer ins Olympiastadion, und was ich sah und hörte, missfiel mir gründlich. Ich ging in die Redaktion und schrieb unter Schmerzen einen Text über den Abend. Wenige Stunden später wurde ich im Internet von kommentierenden Fans zum Abschuss freigegeben. Tagelang befürchtete ich, ein durchgeknallter U2-Fan würde sich vielleicht – Sunday Bloody Sunday, ick hör’ dir trapsen – rächen wollen. Seitdem mag ich nicht mehr zur U2-Fangemeinde gehören.

Meiner Freundin ging es nicht besser. Sie war mal Fan der Tour de France; sie liebte es – für mich völlig unverständlich –, das Fahrradturnier in der Kneipe zu beobachten, und geriet regelmäßig über die fantastischen Leistungen der deutschen Radsportler ins Schwärmen. Tja. Schade.

„Mad Men“ bin ich unendlich dankbar, dass wir endlich wieder Fans sein dürfen.

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